Samstag, 25. April 2020

Mittwoch, 1. April 2020


Der große Rausch und Bewegungen auf der Weltenbühne (historisches Kompendium)


Das britische Empire war als Handelsgroßmacht zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf der Jagd nach Gütern wie Baumwolle, Tee oder Pfeffer. Indien wird dabei wichtiger strategischer Knotenpunkt. Dort, im Tal von Benares wächst der beste Mohn der Welt. 
Die Briten optimieren den Anbau und steigern die Produktion. Sie möchten mit Hilfe des Opiums den Zugang zum damals wichtigsten Markt der Welt erzwingen: China. Das Reich der Mitte verweigert sich dem Freihandel, es exportiert seine Waren wie Porzellan und Tee gewinnträchtig zu hohen Preisen, aber es importiert nichts. China als älteste Wirtschaft der Welt braucht keine fremden Güter, existiert weitgehend autark.

Es war nahezu unmöglich, Waren zu finden, welche man in der am weitesten entwickelten Konsumgesellschaft jener Epoche verkaufen konnte. Ein abgeschottetes Reich jedoch mit einer Schwäche, die Eliten hatten eine Neigung zum Drogenkonsum. Eine dieser Drogen wurde das Opium. Nachdem dieses als Problem erkannt war, verbat der Kaiser den Konsum von Opium in China.
Dieses Verbot einer suchterzeugenden Substanz und der Expansionswille der Engländer ist Ausgangspunkt der Geschichte des Drogenhandels – Drogen als Konsumgut, welches aus zunächst freiwilligen Konsumenten unfreiwillige Konsumenten macht.

Die honorigen Briten William Jardine und James Matheson transportieren mit Billigung und Unterstützung der britischen Regierung riesige Mengen Opium von Indien nach China. Mittels Bestechung hoher Beamter in der Bucht von Kanton schaffen sie die Droge in das Landesinnere und beginnen eine gewinnträchtige Zusammenarbeit mit mächtigen Geheimbünden, den chinesischen Triaden.



Mit der Opium- Infiltration begann die Zersetzung des bis dahin funktionierenden Staates. Im Kampf gegen die Drogensucht veranlasst der chinesische Kaiser 1839 eine große Verhaftungswelle und lässt 20.000 Kisten britisches Opium vernichten. Jardine und Matheson überreden daraufhin die britische Regierung militärisch einzugreifen – es beginnen die sogenannten Opiumkriege. Als Folge des am Ende dieses Krieges den Chinesen diktierten Friedensvertrages und dem damit einhergehenden Ende des alten China, versteht China sich noch heute als seinerzeitiges Opfer des westlichen Imperialismus.

Der Kaiser wird gezwungen, Opium zu legalisieren und Handelsschranken aufzuheben. Hongkong muss an die Briten abgetreten werden und wird Drehscheibe des Drogenhandels. Die hierfür gegründete Hongkong & Shanghai Banking Corp. (HSBC) ist heute die sechstgrößte Bank der Welt, so wie die  Jardine Matheson Group heute global player im Welthandel ist.

Die Öffnung Chinas und die chaotischen Nachkriegsszenarien lösen eine Emigrationswelle aus und mit den Chinesen und ihren Vierteln in allen Teilen der Welt verteilt sich auch die von den Briten initialisierte Drogensucht.

Dienstag, 31. März 2020


Über eine Kultur der Abschottung und die Konzentration auf das große Ganze


Zu Beginn der „Corona Krise“ wurde im Westen mit einer gewissen Häme darüber berichtet, dass die chinesische Führung jetzt wohl einer Bestandsprobe ausgesetzt sei, die sie vielleicht nicht beherrschen würde. Fälschlicherweise wird seit geraumer Zeit die chinesische Führung in einen Topf geworfen mit autokratischen Führungen wie sie von Russland bis in die USA auferstanden sind.
Diese Fehlinterpretation, auch sogenannter seriöser Medien, basiert auf erheblichen Wissenslücken über chinesische Geschichte, die bereits in okzidentalen Bildungssystemen angelegt und bis heute nicht überwunden ist.

In der Ming Dynastie beispielsweise, einer dieser Blütezeiten chinesischer Kultur, lebte dort bereits ein Drittel aller die Erde bevölkernden Menschen.
Im 15. Jahrhundert verfügte China für eine kurze Epoche über eine Schiffsflotte mit den größten jemals gebauten Holzschiffen. Diese Flotte bewegte sich auch nach Westen, bis Afrika, ohne jedoch militärisch expansiv zu werden – es ging wie heute um neue Handelswege, so wie China heute weltweit Infrastrukturen aufbaut und damit eine ganz andere Akzeptanz erwirbt als der Westen mit seinen weiterhin kolonial geprägten Mitteln.
China versteht sich seit Jahrtausenden als das Reich der Mitte, expansives Denken findet nicht statt und so ist folgerichtig auch Abschottung seit alters her ein wichtiges Prinzip und die chinesische Mauer ihr Bauwerk gewordenes Symbol. Die Kenntnis über dieses Prinzip hat sich aktuell als hilfreich erwiesen.

Wesentlicher Unterschied zu okzidentalem Denken ist jedoch der Blick auf das Ganze. Die gesamte Bevölkerung und eben auch chinesische Führer sind immer schon vor allem Anderen dem Wohlergehen des großen Ganzen verpflichtet, das ist das entscheidende Kriterium. Zwar gab es unter den Herrschenden, wie auch im kleinen privaten diese scheinbar universellen Egoismen, am Ende aber ist das nachrangig – autokratisches Handeln hat damit eine andere Dimension.
Zwar verfolgte die europäische Antike noch andere Ansätze, dann aber, durch alle feudalen Epochen über die Zeit der Industrialisierung bis in die Gegenwart, war und ist das Geschehen durch die Egoismen kleiner Gruppen geprägt – das Wohlergehen aller ist seit Jahrhunderten kein Kriterium.

                                behind the window - dancer Amelia Llop, copyright Foto D. Rapp

Vom esoterisch oder spirituell bewegten Menschen bis zur Finanzindustrie, der westliche Verkaufsslogan lautet seit geraumer Zeit „wenn es mir gut geht, strahlt es auf alle und ist damit positiv“ – Wesentliches Erkennungsmerkmal dieser Egosysteme ist also die gleichzeitige Behauptung, mit der Selbstbezogenheit dem Ganzen zu dienen, ein Widerspruch in sich, der dazu führt, dass diese Systeme aktuell heiß laufen, egal ob Pandemie oder Umweltkatastrophe oder Wirtschaftskollaps.
Einziger Ausweg bleibt damit die Abkehr von allgegenwärtigen Egosystemen, hin zu Ökosystemen – die Vorsilbe Öko geht zurück auf das griechische oikos und beschreibt das ganze Haus, auch Ökonomie und Ökologie haben damit dieselbe Sprachwurzel.

Obwohl die umweltschädliche Prokopfemission der westlichen Industrieländer noch immer weit vor allen anderen liegt, übt sich China nicht in Schuldzuweisungen, sondern setzt mit einem im konfuzianischen begründeten Pragmatismus und radikaler Geschwindigkeit neue Umwelttechnologien in die Praxis um – autoritäres Handeln im Interesse des Ganzen, im Westen dagegen darf jeder gegen die Geräusche einer Windkraftanlage klagen und damit sein Ego über das Ganze stellen.

Gerade linke oder hedonistische Kultur erfährt seit „Fridays for future“ und jetzt durch die Corona Problematik eine schwere Grundlagenkrise. Einerseits werden in demokratischen Wahlen Politiker gewählt, die ganz offensichtlich im ausschließlichen Eigeninteresse Machtmißbrauch und Korruption betreiben, andererseits zeigt China Ansätze, die Problemstellungen der Gegenwart mit autoritären Mitteln wirkungsvoll zu bekämpfen.
Daraus darf sich für die westlichen Egosysteme jedoch keinesfalls ergeben, diese autoritären Mittel einfach zu übernehmen – jetzt die Coronaverfolgung per app ohne den unerlässlichen Wertewandel zu akzeptieren würde zwangsläufig in dunkle Zeiten führen.

Sagte doch bereits Joseph Beuys „die äußere Freiheit hat ja mit Freiheit gar nichts zu tun, denn die Freiheit ist das Anwachsen des menschlichen Bewusstseins“. C. O. Scharmer beschreibt diesen notwendigen Wechsel von den Egosystemen zu Ökosystemen als ein Hineinlehnen in die Zukunft, Denken von der Zukunft her und  er beschreibt ihn als Möglichkeit für den Moment des Endes unserer überkommenen Zivilisation – vielleicht also genau jetzt.

"Frühstücksgespräche" mit Joseph Beuys im Jahr 1985: https://www.youtube.com/watch?v=61L8dPOc9Jw

Sonntag, 22. März 2020

Krieg ohne Krieger


Angesichts der aktuellen Gesundheitskrise wird gelegentlich erklärt, dass wir uns im Krieg befinden. Das erscheint inhaltlich zunächst unsinnig, beinhaltet jedoch zwei ganz unterschiedliche Aspekte.

Einerseits verbinden führende Staatsmänner erstmals in der Geschichte die Erklärung des Kriegszustandes mit der Aufforderung, dass wirklich ALLE zu Hause bleiben mögen – also ein Krieg ohne Krieger, nur noch die Lazarette bleiben geöffnet - konsequent zu Ende gedacht, wäre das ein pazifistisches Zukunftsmodell.

Andererseits ist eine Epoche angebrochen, in welcher die Austragung virtueller Konflikte mit drastischen Konsequenzen möglich geworden ist – gleichfalls ein Krieg ohne Krieger und auch dort wird der Schaden über die so genannten Viren angerichtet. 

Der Umgang mit Sprache in der Gegenwart war immer auch ein Hinweis auf zukünftiges Geschehen. Geboten ist also erhöhte Wachsamkeit, auf das sich eine friedlichere Zukunft entwickeln kann.

                                      copyright foto: D. Rapp

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Sprachverwirrungen

Sprachschöpfungen sind immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Verfassung. So sind denn die Begriffe „Naturschutz“ und erst recht gar „Anthropozän“ Beschreibung eines menschlichen Irrweges, der unser Leben begleitet, seit sich in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Technikgläubigkeit in vielen Teilen der Welt durchgesetzt hat, eine Technikgläubigkeit, welche die bis dahin anerkannte Überlegenheit der Natur ersetzen will – und diese Sprachschöpfungen entfalten ihre suggestive Kraft auf uns.

Egal, ob menschliches Denken und Handeln geprägt wurde durch antike Götterwelten, monotheistische Religionen oder asiatisches Bewusstsein, so war doch während der gesamten Menschheitsgeschichte die Natur im konkreten Leben immer als die eigentliche und überlegene Kraft anerkannt. Erst in jüngster Zeit ist die Idee entstanden, wir könnten die Natur verändern, eine Idee, die den Menschen als zumindest bestimmenden, wenn nicht gar überlegenen Akteur versteht und diese Idee wird typischerweise nicht von allen Menschen dieser Erde geteilt, ist wohl vorrangig eine Idee der sogenannten „Industrieländer“, basierend auf abendländischer Wissenschaftstradition.

Sind also die beobachteten Veränderungen in unserer natürlichen Umgebung tatsächlich verknüpft mit menschlichem Handeln, sollten wir diese Veränderungen vielleicht besser verstehen als gelassene Reaktion dieser Kraft, die wir Natur nennen, eine Reaktion, die im Ergebnis möglicherweise das Hinfortwischen der temporären Erscheinung namens „Mensch“ zur Folge hat – denn das ist ja das eigentliche Naturerlebnis, das uns Überdauernde von Meeren oder Bergen oder Wüsten, in einem Rhythmus und in Dimensionen von Veränderung, die unser Erfassen weit übersteigen.

Noch vor genau hundert Jahren schrieb der Architekt Bruno Taut „…Die Berge rufen uns ihre Aufforderung zu. Der Erdboden wird fruchtbare Gewährerin, alle elementare Materie lebt, und was wir bauen, ist nur die Gewährerin ihres Geheißes…“ – dann kam der Paradigmenwechsel und diese Demut wurde vollständig ersetzt durch den Glauben an die technische Lösung.

So ist auch der aktuell gerne genutzte Begriff Anthropozän, als Benennung einer neuen geochronologischen Epoche, nämlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist, nichts anderes als epochentypischer Ausdruck menschlicher Selbstüberschätzung, ein Denken, welches beispielsweise den tibetischen Mönch ausklammert, in dem sich aber naturignorante politische Führer und abendländische Artenschützer auf gar merkwürdige Weise zusammenfinden.
Das Predigen der technischen Lösung ist systemimmanenter Teil des auf Wachstum basierenden ökonomischen Systems, welches nur einigen Wenigen dient. Sich gar zu sehr ausbreitende Populationen haben sich am Ende aber immer selbst vernichtet, auch das eine dieser Spielregeln der Natur.

Verstehen wir also „Umwelt“-schutz als nichts mehr denn Selbstschutz, den Versuch, die Vergänglichkeit der Art „Mensch“ hinauszuzögern – und vielleicht gewinnen wir ein wenig Wohlwollen dieser Kraft namens Natur zurück und lernen die darin liegende Schönheit zu erkennen.


copyright Fotos: D. Rapp


Erinnerungen

Charles Baudelaire beschreibt menschliche Erinnerungen als Schichten, welche sich übereinander legen, die Nächste mag die Vorherige verdecken, aber verloren gehen sie nicht. Dieser Prozess gilt im Privaten genauso wie im gesellschaftlichen Verlauf. Geschichte wirkt immer weiter.

Erinnerung wirkt durch all diese Schichten, ist damit immer auch Gegenwart und bedarf der Auseinandersetzung um Entwicklung zu ermöglichen. Aktuell erstarken weltweit nationale Bewegungen, Entwicklung wird also umgekehrt, Rückwärtsbewegung auch in den sogenannten westlichen Demokratien. Die Herrschenden antworten mit gleichfalls rückwärtsgerichteten Instrumentarien, es wird nicht in Bildung oder gerechtere Ökonomien investiert, sondern Rüstungsetats erreichen neue Rekordhöhen.

Das erscheint dramatisch in einem Land wie Deutschland, welches besonders grausam agiert hat, Erinnerungen, welche generationenübergreifend immer noch wirken. Und diese Geschichte ist verknüpft, so zum Beispiel mit einem aktuellen Topreiseziel, der Insel Mallorca. Auch in Spanien wirken Erinnerungen und werden nur zaghaft angerührt. Die Journalisten Shelina und Bodo Marks haben darüber geschrieben: https://jungle.world/artikel/2019/27/holpriges-gedenken - legen wir also denen, die da wieder aufrüsten wollen, Stolpersteine in den Weg. 



Spanien 1938, copyright Fotos: D. Rapp (Familienarchiv)

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Greta Thunberg und die Kurden oder unter dem Pflaster liegt der Strand

Heiner Müller hat nach dem aktuell genau 30 Jahre zurückliegenden Fall der Mauer bedauert, dass nunmehr auf lange Zeit eine Utopie fehlen werde. Einerseits hatte er wohl Recht, haben doch selbst konservative Politiker beklagt, dass sich mit dem Wegfall des Konkurrenzmodelles Sozialismus die kapitalistische Gier wieder hemmungslos ausbreiten konnte.
Andererseits haben Utopien über künftige Gesellschaftsstrukturen aber dennoch existiert. In den siebziger Jahren waren beispielsweise in eher anarchistischen Blättern wie „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ (später „Zeitschrift für Kraut und Rüben“) Artikel von Murray Bookchin zu lesen.

Murray Bookchin, ursprünglich Kommunist, später Anarchist, vollzog früh eine Abkehr von den Modellen des historischen Materialismus, welche eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft als Voraussetzung für eine befreite, kommunistische Gesellschaft deklarieren. Bookchin beschreibt, dass alleine die ökologische Umweltkatastrophe, welche dies hervorrufen würde, die Existenz der Menschheit vor dem angestrebten Wandel beenden würde.

Bookchin entwirft dagegen eine Idee, unter der Prämisse einer klaren Abkehr vom ökonomischen Wachstumsimperativ, in welcher auf das Empowerment des Individuums hin zum zoon politicon – zum politischen Wesen – gesetzt wird, das sich selbst in den Räten und in der Selbstverwaltung repräsentiert. Das alles findet „vor Ort“ statt, im kommunalistischen Projekt Bookchins wird die Ökonomie nicht verstaatlicht, sondern kommunalisiert – das heißt, Ökonomie wird Teil der Sphäre der politischen Entscheidungen.

Das darauf entwickelte Gesellschaftsmodell, inspirierte Öcalan und die Arbeiterpartei Kurdistans und wurde  im Mai 2005 in das Parteiprogramm des „Demokratischen Konföderalismus“ aufgenommen. Seit der gebietsweisen Rückeroberung hat sich dann die Region Rojava auf der Basis dieses Modelles tatsächlich entwickelt. Die Utopie eines Gesellschaftsmodelles hat es geschafft, in diesen vollständig zerstörten Gemeinden zumindest Ansätze von Hoffnung und bescheidenen Glauben an die Zukunft zu wecken, hat tatkräftiges, konkretes Handeln für einen Wiederaufbau ausgelöst, auch wenn wie immer gilt - Revolution beinhaltet eine riesige Menge an Widersprüchen.

Der Begriff der „Nation“ wird in diesem Konzept aufgelöst hinein in die tatsächliche regionale Identität und Selbstverwaltung. Die regionale Identität ist überschaubar und erklärbar, der Begriff „Nation“ ist immer machtpolitisches Werkzeug – hier tritt der ursprüngliche Gedanke eines unabhängigen kurdischen Staates bereits gelegentlich in den Hintergrund – so wird der kommunalistische Ansatz genau jetzt auch ein interessanter Ansatz für ein Europa, in dem die „Nation“ zunehmend wieder als Machtwerkzeug benutzt wird, sei es in Katalonien oder von der AfD.

Zentrales Thema in diesem Versuch sind vor allem die gegenseitige multiethnische Akzeptanz, Zusammenarbeit unterschiedlicher religiöser Ausrichtungen oder des Atheismus, vor allem aber die gleichberechtigte Mitwirkung von Frauen in einem Teil der Welt, welcher noch immer in einem besonders archaischen Patriarchat verhaftet ist.
Das akzeptieren die uralten Männerbildern verhafteten Autokraten wie Erdoğan, Trump und ihre Verbündeten nicht. Vordergründig dient auch hier wieder der Begriff der „Nation“ als Begründung, aber der Angriff auf Efrîn in 2018 als erster Versuchsballon und der aktuelle, blutige Einmarsch in Syrien sind natürlich auch unter diesem Aspekt zu betrachten.

Einhergehend mit einem glasklaren und konsequenten Wirtschaftsboykott hätte Europa laut und deutlich den einfachen Satz sagen können “… soll Erdogan die Flüchtlinge schicken, wir werden sie mit offenen Armen empfangen, Menschenrechte sind für uns nicht verhandelbar“ – aber neue politische Konstellationen sind ins Visier genommen, von links über grün bis rechts hoffen alle auf nichts anderes als Positionen an den Schaltstellen politischer Macht. Auch im links-grünen Spektrum wird dabei verkannt, dass diese Gier nach Macht und Positionen inzwischen gar zu offensichtlich, für alle spürbar ist und sich aus dieser Verlogenheit die Politikerverdrossenheit und damit auch das rechtsradikale Spektrum speist.


 
                                                                             copyright Foto: D. Rapp


Murray Bookchin hat bereits frühzeitig die Zusammenhänge zwischen ökonomischem und sozialem Gesellschaftssystem, menschlicher Gesundheit und der Natur hergestellt. So war er Mitbegründer des Institute for Social Ecology in den USA.
“…The needs of industrial plants are being placed before man's need for clean air; the disposal of industrial wastes has gained priority over the community's need for clean water. The most pernicious laws of the market place are given precedence over the most compelling laws of biology…” (aus “Our Synthetic Environment” von Murray Bookchin, 1962).

Der Zusammenhang zwischen ökonomischen und politischen Systemen, den damit einhergehenden Wertesystemen und unserem Umgang mit der Natur ist von ihm und anderen also lange beschrieben.
Aktuell erinnert der Auftritt von „Fridays for Future“ ein wenig an die „quartiers“ der Pariser Kommune, Bewegung als Volksversammlung, welche Hannah Arendt als den verloren gegangenen Schatz revolutionärer Traditionen bezeichnete. Hoffen wir also, dass diese neue Bewegung darauf verzichtet, mit dem links-grünen Machtspektrum zu koalieren.

Mögen sie stattdessen vielleicht ein wenig bei Murray Bookchin nachlesen. Er beschreibt die Hoffnung, dass wir die „Umweltkrise“ in eine echte Wahlmöglichkeit umwandeln können, lähmende Strukturen wie das Denken in Nationen und rein ökonomisch geprägten Wertesystem hinter uns lassen – denn, eine Gesellschaft, die immer nur das angeblich Machbare im angeblich Unveränderbaren diskutiert, eine Gesellschaft ohne utopischen Entwurf ist am Ende immer den Autokraten hilflos ausgeliefert.

Montag, 7. Oktober 2019


Wölfe

Vergangen geglaubte, archaisch anmutende Prototypen einer völlig unterentwickelten Männlichkeit besetzen wieder Schaltstellen der Macht – demokratisch gewählt. 
Zeitgleich breitet sich auch der Wolf wieder in Europa aus. So erhält ein Lied von Franz Josef Degenhardt aus dem Jahr 1965 in seiner Doppeldeutigkeit neuerliche Brisanz – Wölfe mitten im Mai


copyright Fotos: D. Rapp

 „August der Schäfer hat Wölfe gehört,
Wölfe mitten im Mai, zwar nur zwei,
aber August der schwört,
sie hätten zusammen das Fraßlied geheult,
das aus früherer Zeit, und er schreit.
und sein Hut ist verbeult.
Schreit: "Rasch, holt die Sensen sonst ist es zu spät.
Schlagt sie tot, noch ehe der Hahn dreimal kräht."
Doch wer hört schon auf einen alten Hut
und ist auf der Hut? Und ist auf der Hut? …“

Freitag, 27. September 2019

„post privacy“ in Zeiten von „social media“


es geht nicht darum, ob wir etwas zu verbergen haben

es geht aber ganz sicher darum,

dass wir etwas zu schützen haben

copyright Foto: D. Rapp

Freitag, 14. Juni 2019


Verwachsungen – Mensch und Maschine


Der Philosoph und Mediziner Joachim Bodamer hat bereits in einem Aufsatz aus dem Jahre 1960 eine treffliche Analyse der menschlichen Verfassung in den westlichen Zivilisationen des 21. Jahrhunderts geliefert.

„Unsere Untersuchung geht davon aus, dass der heutige Mensch nicht allein in einer vollkommen von der Technik bestimmten Umwelt lebt, sondern als „Person“ nicht weniger technisiert ist, das heißt, in seinem Verhalten, seinen seelischen Vollzügen, seinem Handeln und in der ganzen Art seiner Weltbewältigung sich der technischen Funktionalität angepasst hat. Seine Daseinsform ist keine „natürliche“ mehr, weil Technik und industrielle Zivilisation Daseinsbedingungen geschaffen haben, die der Konstitution des Menschen entgegengesetzt sind, wobei diese Gegensätzlichkeit durch neue technische Einfälle immer wieder ausgeglichen werden muss.

Da diese Welt ein künstliches und „sekundäres“ System ist, in deren Mittelpunkt primär die Maschine steht, befindet sie sich dauernd in einem Zustand der Labilität und Unruhe, zwingt den Menschen zu gewaltigen Sicherungsmaßnahmen und wächst doch, aufgrund eines undurchschaubaren Gesetzes, andauernd über ihn hinaus. Die Anstrengung, diesen permanenten Vorsprung der technischen Entwicklung immer wieder einzuholen und neuen Lagen gerecht zu werden, prägt die Gesichter und Seelen in der technischen Welt. Sie sind nur dann mit sich in Übereinstimmung, wenn ihnen die Anpassung so vollkommen gelingt, dass eine Identifikation zwischen Mensch und technischem Gebilde zustande kommt. Der Mensch und seine Maschine werden dann eine neue anthropo-technische Einheit. Ob der Mensch für das technische Mittel da ist oder dieses für ihn, ist nicht mehr unterscheidbar und die Frage zu stellen, wie weit er zum Zweck seiner eigenen Mittel geworden ist, wird überflüssig.


Sobald aber diese Verschmelzung von Mensch und Maschine im weitesten Sinne nicht mehr gelingt, sei es, dass Suprageschwindigkeiten die menschliche Konstitution zu zerbrechen drohen, oder dass die technischen Gebilde als Ganzes unüberschaubar werden, wie etwa bei den elektronischen Rechenmaschinen, mit denen sich das übergeordnete Gehirn der Technik zu bilden scheint, da entsteht eine spezifische Angst in der Massenseele, diese Angst der absolut hilflosen Abhängigkeit, die sich in zahllosen Reaktionen Luft verschafft.“

copyright Foto: Detlef Rapp