Sonntag, 27. Dezember 2020

 Grundrechte und Beschränkungen – auf Spurensuche

Die Covid-19 Krise hat den Begriff „Grundrechte“ in den Mittelpunkt gerückt. Erstmals seit Jahrzehnten stehen für die wohlhabenden Menschen in den Industrienationen persönliche Rechte zur Verhandlung.

Am 10. Dezember 1948 wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Diese Resolution beinhaltet eine Präambel und 30 Grundrechtsartikel. Hierzu gehören (Zahlen aus UN-Veröffentlichungen):

Artikel 25 – Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschl. Nahrung, Kleidung, Wohnung …

·         Wasser: 2019 hatten 2,2 Milliarden Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser

·         Ernährung: 2019 litten ca. 690 Millionen Menschen an chronischem Hunger, weitere Millionen an akutem Hunger und nochmals weitere Millionen an sogenanntem verborgenen Hunger

·         Wohnen: 2019 waren alleine 80 Millionen Menschen auf der Flucht und damit ohne Wohnung - Gründe für die Flucht waren unter anderem Verfolgung, Gewalt, Kriege und drastische  Menschenrechtsverletzungen in den Herkunftsländern, aber auch Naturkatastrophen

Artikel 26 – Jeder hat das Recht auf Bildung …

·         Bildung: 2018 hatten mindestens 264 Millionen Kinder keinerlei Zugang zu Bildung

·         Kinderarbeit: 2020 arbeiten ca. 152 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren, davon 73 Millionen in massiv ausbeuterischen Verhältnissen

Beispiel: Nach Angaben von Unicef arbeiten rund 40.000 Kinder in Minen im Süden des Kongo. Ihr Verdienst liegt bei 1 bis 2 US-Dollar am Tag. Dafür müssen sie bis zu 24 Stunden unter Tage verbringen, hierunter auch siebenjährige Kinder. Kobalt für Smartphone Akkus ist einer der Rohstoffe, den Kinder nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International dort abbauen.

Im Jahr 2018 lebten nach einer Veröffentlichung der Weltbank 3,4 Milliarden Menschen unterhalb der Armutsgrenze (Definition z.B.: in Ländern mit mittlerem Einkommen weniger als 2,80 €/ Tag zur Verfügung). Als Auswirkung der Covid-19 Pandemie verschärfen sich aktuell alle diese eindeutigen Verstöße gegen die Menschenrechte – und es gibt einen klaren ursächlichen Zusammenhang des Reichtums der „Industrienationen“ mit diesen dramatischen Verhältnissen. 

copyright Foto D. Rapp

Seit Bestehen der BRD gab es in keinem Jahr so viele Demonstrationen für die Einhaltung der Grundrechte – ist das Land also aufgewacht und setzt sich jetzt ein für die Millionen Menschen und deren oben beschriebene Schicksale, hat ein Land endlich verstanden dass dieser in der Menschheitsgeschichte nie dagewesene Reichtum einer ganzen Gesellschaft und damit die Freiheit eines jeden einzelnen Bürgers gleichzeitig auf genau diesen Grundrechtsverletzungen basiert?

Die Demonstrationen verhandeln jedoch ausschließlich die angeblich dramatische Einschränkung der Grundrechte in der BRD – unterschiedlichste Gruppierungen beklagen es – angeblich niemals in der Geschichte der BRD wurden die Grundrechte derart massiv eingeschränkt.  

Eine Unterbindung der Meinungsfreiheit findet jedoch nicht statt, pandemiebedingte Einschränkungen im beruflichen werden in einem Umfang finanziell ausgeglichen, wie er in der restlichen, gleichfalls pandemiegeplagten Welt schlichtweg nicht stattfindet, selbst die vielleicht bittersten Einschränkungen im Bildungswesen ergeben dann immer noch Bedingungen um die deutsche Eltern von Milliarden beneidet werden.

Ein Standardargument lautet, man sei in Deutschland und müsse sich daher im eigenen Land für die Grundrechte einsetzen – ignoriert wird dabei, dass die oben aufgeführten Grundrechtsverletzungen eben genau in Ländern wie der BRD ihren Anfang nehmen.

 

Wie ist diese Vehemenz und Diversität der „Grundrechtskämpfer“ also zu interpretieren? Die Debatte offenbart eine entscheidende, bereits zuvor erkennbare Fehlstelle: wo Rechte sind, da sind auch Pflichten, eine uralte, aber weitgehend in Vergessenheit geratene Wahrheit. Nur wenn Rechte und Pflichten sich im Gleichgewicht befinden, entwickelt sich ein System weiter.

In der BRD nehmen die katholische, die jüdische und die islamischen Glaubensgemeinschaften das Grundrecht auf Religionsfreiheit in Anspruch, ohne sich gleichzeitig zu verpflichten, die Gleichstellung von Mann und Frau in ihren Inhalten wie auch Strukturen vollumfänglich umzusetzen, es entsteht eine Unwucht.

Hier wie in anderen Bereichen wird eine Hierarchie der Grundrechte hergestellt. In einem eigentlich säkularen Staat wird die Religionsfreiheit über der Gleichstellung von Mann und Frau angesiedelt. Da ca. ein Drittel der Bevölkerung diesen Religionsgemeinschaften angehört, kann die Gleichstellung von Mann und Frau in der Gesellschaft nicht durchgesetzt werden (22,6 Millionen Katholiken; einhunderttausend Juden; 5,6 Millionen Islamgläubige) – es ist dies nur eines von hunderten Beispielen, wie sogenannte demokratische Gesellschaften heute agieren.

Der vorrangig gesetzte Schutz des Eigentums versus der deutlich untergeordneten sozialen Verpflichtung aus Eigentum sorgt zunächst national für zunehmende Unwucht und wirkt absehbar global kriegstreibend. Von grün bis rechts, Aufrüstung wird in Deutschland wieder deutlich eingefordert, es gilt, demnächst die Besitzstände international auch wieder militärisch zu verteidigen.

Freiheit im Handeln und in der Bewegung ist immer wohlstandsabhängig – das gilt auch für die Freiheit im Denken. Wer den ganzen Tag damit beschäftigt ist, seinen Mindestbedarf an Nahrung zu besorgen, hat kaum Möglichkeiten, über dieses Problem hinaus zu denken.

 

Die Inanspruchnahme von Rechten bedingt also immer die Erfüllung von Pflichten und zwischen diesen beiden bestehen oftmals Widersprüche oder Konfliktpotenzial. Auch hierzu gibt es eigentlich globale Verabredungen.

So haben sich die Mitgliedsstaaten der UN völkerrechtlich verpflichtet, Menschen vor wirtschaftsbezogenen Menschenrechtsverstößen zu schützen – durch angemessene Politik, Regulierung und Rechtsprechung - Unternehmen haben die Verantwortung, Menschenrechte zu achten. Sie sollen mögliche negative menschenrechtliche Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit beenden, sowie sich um Wiedergutmachung bemühen (UN Guiding Principles on Business and Human Rights (UNGP)- s.a. die aktuelle Schweizer Abstimmung über Unternehmensverantwortung) – auch diese Verpflichtung ist in der BRD nicht konsequent gesetzlich umgesetzt. 

copyright Foto D. Rapp

 Jedes Menschenleben zählt – ein Satz den Politik im Jahr 2020 immer wieder postuliert hat. Eine Gesellschaft jedoch, die nicht einmal ansatzweise wirklich versucht, diesen Grundsatz zu leben, wirkt vollständig unglaubwürdig. Globales Denken existiert weiterhin nicht. Um die Klimabilanzen westlicher Gesellschaften zu schönen, werden eine Energiewende und neue Technologien gefördert, die zu einer Landschaftszerstörung bislang unbekannten Ausmaßes führt. Alleine das hierfür in den nächsten 30 Jahren benötigte Kupfer wird den Gesamtkupferabbau der vergangenen 7000 Jahre seit Beginn der Kupferzeit übersteigen – mit katastrophalen Folgen für Millionen Menschen.

Bereits für den aktuellen Ressourcenverbrauch bräuchte es den Planeten Erde 1,5 mal – da die absolute Mehrheit der aktuell lebenden Menschen nichts hat, worauf sie verzichten könnte, geht es also schon längst nicht mehr nur um gerechtere Umverteilung, sondern vor Allem um dramatischen Verzicht in den Industrienationen – werden im Wahljahr 2021 Politiker mit dem einzigen zukunftsträchtigen Slogan, dem Werben für Verzicht auf unangemessenen Wohlstand einer ganzen Gesellschaft antreten?

In einem System, welches glaubwürdig im Sinne globalen Wohlergehens agiert, gelingt es auch im Privaten, für das große Ganze, die Überwindung einer pandemischen Lage, mal ein paar Tage zu Hause zu bleiben. Eine Gesellschaft, die global rücksichtslos und egoistisch agiert, kann auch im Privaten keine Einsicht auf die Notwendigkeit von Verzicht erwarten, sondern wird dort am Ende immer den gleichen Egoismus als Spiegel ihrer selbst finden.

 

Die gegenwärtigen, westlich geprägten Gesellschaften sind nicht fortsetzbar, die Kinder von heute werden in gänzlich anderen Systemen leben – die Pandemie hat, auch aufgrund ihrer Globalität, diese Bruchstelle markiert und für alle sichtbar gemacht. Aktuell ist das Versprechen wieder einmal eine technische Lösung, die Impfung – das eigentliche Motiv wird nicht verhandelt.

Das Virus als Bestandteil natürlicher Prozesse kennt keine Versprechen oder Emotionen, schadet nicht dem Meer noch dem Berg – kann der Mensch es verstehen als Aufforderung sich auf das Wesentliche zu konzentrieren? Das Wesentliche zeigt sich klar und unverwaschen, duldet nicht die Ausrede noch den faulen Kompromiss – wer sich diesem Wesentlichen nähern möchte, ist nicht in Gefahr Freiheit mit Egoismus und Ablenkung zu verwechseln.


copyright Foto D. Rapp

Sonntag, 10. Mai 2020


… und täglich grüßt das Murmeltier oder „blurred life“

Dasein ist geprägt durch Prozess und Überraschung, durch Kontinuität und Entwicklung, aber auch durch die Zerstreuung in das Vielerlei dessen, was täglich passiert – ist Dasein jedoch verloren in der ständigen Wiederholung eines scheinbar immergleichen Heute?


copyright Foto: D. Rapp

Donnerstag, 7. Mai 2020


Das Fest des Lebens und die Türsteher


Die Bilder des „Studio 54“ sind Mythos geworden, haben überdauert als Symbol für grenzenloses Feiern. Erstmalig jedoch wurden in einem bekannten Club Türsteher eingesetzt mit dem Ziel, eine „interessante“ Publikumsmischung zu kreieren – eine Gratwanderung.
Natürlich sei es jedem Veranstalter überlassen, eine thematisch orientierte Party zu veranstalten an welcher beispielsweise nur Menschen mit entsprechendem Kostüm teilnehmen dürfen. Es herrscht aber Einvernehmen darüber, dass beispielsweise eine Veranstaltung nur für Menschen mit weißer Hautfarbe rassistisch wäre, verboten in demokratischen Systemen – die Kriterien des Studio 54 „schön“ oder „interessant“ waren so gesehen sehr eindeutig Gratwanderung.


                                        
Zugangsbeschränkung und Virus, es existiert eine immer noch gültige Verbindung. Seit 1988 bis 2010, über eine Dauer von 22 Jahren durften HIV-Positive Ausländer die USA nicht besuchen. Das Besuchs- und Einwanderungsverbot war Ende der 80er-Jahre ausgesprochen worden, als etliche Länder entsprechende Maßnahmen gegen die Ausbreitung von HIV/Aids in ihrer Bevölkerung ergriffen.
Aktuell gelten in 48 Ländern, Territorien und Regionen der Welt immer noch bestimmte Formen von Reisebeschränkungen, die im Zusammenhang mit HIV stehen. 18 davon verlangen in verschiedenen Fällen der Einreise eine HIV-Testung bzw. die Offenlegung des HIV-Status, elf weitere ergänzen das mit Einreise- bzw. Aufenthaltsverboten für HIV-Positive; 19 Regionen weisen ausländische Erkrankte zusätzlich sogar aus.

Auch alternative Welten kennen diese Ausgrenzung, so ist bis in die 2010er Jahre bestätigt, dass beispielsweise für das Betreten des Ashram in Poona (Osho International Meditation Resort) ein on-the-spot HIV-Test erforderlich war (Informationen über 2020 liegen nicht vor)
Laut UNAIDS schützen solche Regelungen die öffentliche Gesundheit nicht – stattdessen untergraben sie die Bemühungen und Fortschritte im Bereich der Prävention und Behandlung. „Für Millionen von Menschen in aller Welt, die mit HIV leben, sind das wiederholte Verletzungen ihres Rechts auf Privatsphäre, auf Gleichberechtigung und Gleichbehandlung; und sie sind eine ständige Erinnerung an das HIV-bezogene Stigma“, heißt es auf der Webseite der Organisation.

                                                                                                            
Jede Stigmatisierung, jede von außen dirigierte psychologische Präsenz einer Schwäche ist zugleich auch immer Schwächung der physischen Widerstandskräfte der Betroffenen.
Im Zuge der Covid-19 Krise werden analoge Maßnahmen diskutiert – von der „Gesundheits“-App bis zum „Gesundheits“-paß – jede dieser Maßnahmen wird stigmatisieren, Gesellschaften teilen. Der vorgeblich Resistente wird Vorteile genießen, solidarisches Handeln wird systematisch abgebaut. In Krisenzeiten, also auch den folgenden ökonomischen oder ökologischen Krisen lassen sich unsolidarische Gesellschaften leichter steuern.

Aktuell liegt es also an jedem Einzelnen, ob er durch solidarisches Handeln, also die restriktive Einhaltung einiger weniger Regeln wie Abstand gegenüber Jedem, egal ob Freund oder Unbekannter, durch das Tragen von Masken oder die Einhaltung von Hygienevorschriften die Tür zum Fest des Lebens für alle öffnet, oder ob der Weg freigemacht wird für die Türsteher, die mit ihren Apps und Pässen genau diese Tür für einige verschließen – es könnte sein, dass die "Clubbetreiber" nicht mehr auf diese "digitalen Türsteher" verzichten wollen.

copyright Fotos: D. Rapp



Mittwoch, 1. April 2020


Der große Rausch und Bewegungen auf der Weltenbühne (historisches Kompendium)


Das britische Empire war als Handelsgroßmacht zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf der Jagd nach Gütern wie Baumwolle, Tee oder Pfeffer. Indien wird dabei wichtiger strategischer Knotenpunkt. Dort, im Tal von Benares wächst der beste Mohn der Welt. 
Die Briten optimieren den Anbau und steigern die Produktion. Sie möchten mit Hilfe des Opiums den Zugang zum damals wichtigsten Markt der Welt erzwingen: China. Das Reich der Mitte verweigert sich dem Freihandel, es exportiert seine Waren wie Porzellan und Tee gewinnträchtig zu hohen Preisen, aber es importiert nichts. China als älteste Wirtschaft der Welt braucht keine fremden Güter, existiert weitgehend autark.

Es war nahezu unmöglich, Waren zu finden, welche man in der am weitesten entwickelten Konsumgesellschaft jener Epoche verkaufen konnte. Ein abgeschottetes Reich jedoch mit einer Schwäche, die Eliten hatten eine Neigung zum Drogenkonsum. Eine dieser Drogen wurde das Opium. Nachdem dieses als Problem erkannt war, verbat der Kaiser den Konsum von Opium in China.
Dieses Verbot einer suchterzeugenden Substanz und der Expansionswille der Engländer ist Ausgangspunkt der Geschichte des Drogenhandels – Drogen als Konsumgut, welches aus zunächst freiwilligen Konsumenten unfreiwillige Konsumenten macht.

Die honorigen Briten William Jardine und James Matheson transportieren mit Billigung und Unterstützung der britischen Regierung riesige Mengen Opium von Indien nach China. Mittels Bestechung hoher Beamter in der Bucht von Kanton schaffen sie die Droge in das Landesinnere und beginnen eine gewinnträchtige Zusammenarbeit mit mächtigen Geheimbünden, den chinesischen Triaden.



Mit der Opium- Infiltration begann die Zersetzung des bis dahin funktionierenden Staates. Im Kampf gegen die Drogensucht veranlasst der chinesische Kaiser 1839 eine große Verhaftungswelle und lässt 20.000 Kisten britisches Opium vernichten. Jardine und Matheson überreden daraufhin die britische Regierung militärisch einzugreifen – es beginnen die sogenannten Opiumkriege. Als Folge des am Ende dieses Krieges den Chinesen diktierten Friedensvertrages und dem damit einhergehenden Ende des alten China, versteht China sich noch heute als seinerzeitiges Opfer des westlichen Imperialismus.

Der Kaiser wird gezwungen, Opium zu legalisieren und Handelsschranken aufzuheben. Hongkong muss an die Briten abgetreten werden und wird Drehscheibe des Drogenhandels. Die hierfür gegründete Hongkong & Shanghai Banking Corp. (HSBC) ist heute die sechstgrößte Bank der Welt, so wie die  Jardine Matheson Group heute global player im Welthandel ist.

Die Öffnung Chinas und die chaotischen Nachkriegsszenarien lösen eine Emigrationswelle aus und mit den Chinesen und ihren Vierteln in allen Teilen der Welt verteilt sich auch die von den Briten initialisierte Drogensucht.

Dienstag, 31. März 2020


Über eine Kultur der Abschottung und die Konzentration auf das große Ganze


Zu Beginn der „Corona Krise“ wurde im Westen mit einer gewissen Häme darüber berichtet, dass die chinesische Führung jetzt wohl einer Bestandsprobe ausgesetzt sei, die sie vielleicht nicht beherrschen würde. Fälschlicherweise wird seit geraumer Zeit die chinesische Führung in einen Topf geworfen mit autokratischen Führungen wie sie von Russland bis in die USA auferstanden sind.
Diese Fehlinterpretation, auch sogenannter seriöser Medien, basiert auf erheblichen Wissenslücken über chinesische Geschichte, die bereits in okzidentalen Bildungssystemen angelegt und bis heute nicht überwunden ist.

In der Ming Dynastie beispielsweise, einer dieser Blütezeiten chinesischer Kultur, lebte dort bereits ein Drittel aller die Erde bevölkernden Menschen.
Im 15. Jahrhundert verfügte China für eine kurze Epoche über eine Schiffsflotte mit den größten jemals gebauten Holzschiffen. Diese Flotte bewegte sich auch nach Westen, bis Afrika, ohne jedoch militärisch expansiv zu werden – es ging wie heute um neue Handelswege, so wie China heute weltweit Infrastrukturen aufbaut und damit eine ganz andere Akzeptanz erwirbt als der Westen mit seinen weiterhin kolonial geprägten Mitteln.
China versteht sich seit Jahrtausenden als das Reich der Mitte, expansives Denken findet nicht statt und so ist folgerichtig auch Abschottung seit alters her ein wichtiges Prinzip und die chinesische Mauer ihr Bauwerk gewordenes Symbol. Die Kenntnis über dieses Prinzip hat sich aktuell als hilfreich erwiesen.

Wesentlicher Unterschied zu okzidentalem Denken ist jedoch der Blick auf das Ganze. Die gesamte Bevölkerung und eben auch chinesische Führer sind immer schon vor allem Anderen dem Wohlergehen des großen Ganzen verpflichtet, das ist das entscheidende Kriterium. Zwar gab es unter den Herrschenden, wie auch im kleinen privaten diese scheinbar universellen Egoismen, am Ende aber ist das nachrangig – autokratisches Handeln hat damit eine andere Dimension.
Zwar verfolgte die europäische Antike noch andere Ansätze, dann aber, durch alle feudalen Epochen über die Zeit der Industrialisierung bis in die Gegenwart, war und ist das Geschehen durch die Egoismen kleiner Gruppen geprägt – das Wohlergehen aller ist seit Jahrhunderten kein Kriterium.

                                behind the window - dancer Amelia Llop, copyright Foto D. Rapp

Vom esoterisch oder spirituell bewegten Menschen bis zur Finanzindustrie, der westliche Verkaufsslogan lautet seit geraumer Zeit „wenn es mir gut geht, strahlt es auf alle und ist damit positiv“ – Wesentliches Erkennungsmerkmal dieser Egosysteme ist also die gleichzeitige Behauptung, mit der Selbstbezogenheit dem Ganzen zu dienen, ein Widerspruch in sich, der dazu führt, dass diese Systeme aktuell heiß laufen, egal ob Pandemie oder Umweltkatastrophe oder Wirtschaftskollaps.
Einziger Ausweg bleibt damit die Abkehr von allgegenwärtigen Egosystemen, hin zu Ökosystemen – die Vorsilbe Öko geht zurück auf das griechische oikos und beschreibt das ganze Haus, auch Ökonomie und Ökologie haben damit dieselbe Sprachwurzel.

Obwohl die umweltschädliche Prokopfemission der westlichen Industrieländer noch immer weit vor allen anderen liegt, übt sich China nicht in Schuldzuweisungen, sondern setzt mit einem im konfuzianischen begründeten Pragmatismus und radikaler Geschwindigkeit neue Umwelttechnologien in die Praxis um – autoritäres Handeln im Interesse des Ganzen, im Westen dagegen darf jeder gegen die Geräusche einer Windkraftanlage klagen und damit sein Ego über das Ganze stellen.

Gerade linke oder hedonistische Kultur erfährt seit „Fridays for future“ und jetzt durch die Corona Problematik eine schwere Grundlagenkrise. Einerseits werden in demokratischen Wahlen Politiker gewählt, die ganz offensichtlich im ausschließlichen Eigeninteresse Machtmißbrauch und Korruption betreiben, andererseits zeigt China Ansätze, die Problemstellungen der Gegenwart mit autoritären Mitteln wirkungsvoll zu bekämpfen.
Daraus darf sich für die westlichen Egosysteme jedoch keinesfalls ergeben, diese autoritären Mittel einfach zu übernehmen – jetzt die Coronaverfolgung per app ohne den unerlässlichen Wertewandel zu akzeptieren würde zwangsläufig in dunkle Zeiten führen.

Sagte doch bereits Joseph Beuys „die äußere Freiheit hat ja mit Freiheit gar nichts zu tun, denn die Freiheit ist das Anwachsen des menschlichen Bewusstseins“. C. O. Scharmer beschreibt diesen notwendigen Wechsel von den Egosystemen zu Ökosystemen als ein Hineinlehnen in die Zukunft, Denken von der Zukunft her und  er beschreibt ihn als Möglichkeit für den Moment des Endes unserer überkommenen Zivilisation – vielleicht also genau jetzt.

"Frühstücksgespräche" mit Joseph Beuys im Jahr 1985: https://www.youtube.com/watch?v=61L8dPOc9Jw

Sonntag, 22. März 2020

Krieg ohne Krieger


Angesichts der aktuellen Gesundheitskrise wird gelegentlich erklärt, dass wir uns im Krieg befinden. Das erscheint inhaltlich zunächst unsinnig, beinhaltet jedoch zwei ganz unterschiedliche Aspekte.

Einerseits verbinden führende Staatsmänner erstmals in der Geschichte die Erklärung des Kriegszustandes mit der Aufforderung, dass wirklich ALLE zu Hause bleiben mögen – also ein Krieg ohne Krieger, nur noch die Lazarette bleiben geöffnet - konsequent zu Ende gedacht, wäre das ein pazifistisches Zukunftsmodell.

Andererseits ist eine Epoche angebrochen, in welcher die Austragung virtueller Konflikte mit drastischen Konsequenzen möglich geworden ist – gleichfalls ein Krieg ohne Krieger und auch dort wird der Schaden über die so genannten Viren angerichtet. 

Der Umgang mit Sprache in der Gegenwart war immer auch ein Hinweis auf zukünftiges Geschehen. Geboten ist also erhöhte Wachsamkeit, auf das sich eine friedlichere Zukunft entwickeln kann.

                                      copyright foto: D. Rapp

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Sprachverwirrungen

Sprachschöpfungen sind immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Verfassung. So sind denn die Begriffe „Naturschutz“ und erst recht gar „Anthropozän“ Beschreibung eines menschlichen Irrweges, der unser Leben begleitet, seit sich in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Technikgläubigkeit in vielen Teilen der Welt durchgesetzt hat, eine Technikgläubigkeit, welche die bis dahin anerkannte Überlegenheit der Natur ersetzen will – und diese Sprachschöpfungen entfalten ihre suggestive Kraft auf uns.

Egal, ob menschliches Denken und Handeln geprägt wurde durch antike Götterwelten, monotheistische Religionen oder asiatisches Bewusstsein, so war doch während der gesamten Menschheitsgeschichte die Natur im konkreten Leben immer als die eigentliche und überlegene Kraft anerkannt. Erst in jüngster Zeit ist die Idee entstanden, wir könnten die Natur verändern, eine Idee, die den Menschen als zumindest bestimmenden, wenn nicht gar überlegenen Akteur versteht und diese Idee wird typischerweise nicht von allen Menschen dieser Erde geteilt, ist wohl vorrangig eine Idee der sogenannten „Industrieländer“, basierend auf abendländischer Wissenschaftstradition.

Sind also die beobachteten Veränderungen in unserer natürlichen Umgebung tatsächlich verknüpft mit menschlichem Handeln, sollten wir diese Veränderungen vielleicht besser verstehen als gelassene Reaktion dieser Kraft, die wir Natur nennen, eine Reaktion, die im Ergebnis möglicherweise das Hinfortwischen der temporären Erscheinung namens „Mensch“ zur Folge hat – denn das ist ja das eigentliche Naturerlebnis, das uns Überdauernde von Meeren oder Bergen oder Wüsten, in einem Rhythmus und in Dimensionen von Veränderung, die unser Erfassen weit übersteigen.

Noch vor genau hundert Jahren schrieb der Architekt Bruno Taut „…Die Berge rufen uns ihre Aufforderung zu. Der Erdboden wird fruchtbare Gewährerin, alle elementare Materie lebt, und was wir bauen, ist nur die Gewährerin ihres Geheißes…“ – dann kam der Paradigmenwechsel und diese Demut wurde vollständig ersetzt durch den Glauben an die technische Lösung.

So ist auch der aktuell gerne genutzte Begriff Anthropozän, als Benennung einer neuen geochronologischen Epoche, nämlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist, nichts anderes als epochentypischer Ausdruck menschlicher Selbstüberschätzung, ein Denken, welches beispielsweise den tibetischen Mönch ausklammert, in dem sich aber naturignorante politische Führer und abendländische Artenschützer auf gar merkwürdige Weise zusammenfinden.
Das Predigen der technischen Lösung ist systemimmanenter Teil des auf Wachstum basierenden ökonomischen Systems, welches nur einigen Wenigen dient. Sich gar zu sehr ausbreitende Populationen haben sich am Ende aber immer selbst vernichtet, auch das eine dieser Spielregeln der Natur.

Verstehen wir also „Umwelt“-schutz als nichts mehr denn Selbstschutz, den Versuch, die Vergänglichkeit der Art „Mensch“ hinauszuzögern – und vielleicht gewinnen wir ein wenig Wohlwollen dieser Kraft namens Natur zurück und lernen die darin liegende Schönheit zu erkennen.


copyright Fotos: D. Rapp


Erinnerungen

Charles Baudelaire beschreibt menschliche Erinnerungen als Schichten, welche sich übereinander legen, die Nächste mag die Vorherige verdecken, aber verloren gehen sie nicht. Dieser Prozess gilt im Privaten genauso wie im gesellschaftlichen Verlauf. Geschichte wirkt immer weiter.

Erinnerung wirkt durch all diese Schichten, ist damit immer auch Gegenwart und bedarf der Auseinandersetzung um Entwicklung zu ermöglichen. Aktuell erstarken weltweit nationale Bewegungen, Entwicklung wird also umgekehrt, Rückwärtsbewegung auch in den sogenannten westlichen Demokratien. Die Herrschenden antworten mit gleichfalls rückwärtsgerichteten Instrumentarien, es wird nicht in Bildung oder gerechtere Ökonomien investiert, sondern Rüstungsetats erreichen neue Rekordhöhen.

Das erscheint dramatisch in einem Land wie Deutschland, welches besonders grausam agiert hat, Erinnerungen, welche generationenübergreifend immer noch wirken. Und diese Geschichte ist verknüpft, so zum Beispiel mit einem aktuellen Topreiseziel, der Insel Mallorca. Auch in Spanien wirken Erinnerungen und werden nur zaghaft angerührt. Die Journalisten Shelina und Bodo Marks haben darüber geschrieben: https://jungle.world/artikel/2019/27/holpriges-gedenken - legen wir also denen, die da wieder aufrüsten wollen, Stolpersteine in den Weg. 



Spanien 1938, copyright Fotos: D. Rapp (Familienarchiv)

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Greta Thunberg und die Kurden oder unter dem Pflaster liegt der Strand

Heiner Müller hat nach dem aktuell genau 30 Jahre zurückliegenden Fall der Mauer bedauert, dass nunmehr auf lange Zeit eine Utopie fehlen werde. Einerseits hatte er wohl Recht, haben doch selbst konservative Politiker beklagt, dass sich mit dem Wegfall des Konkurrenzmodelles Sozialismus die kapitalistische Gier wieder hemmungslos ausbreiten konnte.
Andererseits haben Utopien über künftige Gesellschaftsstrukturen aber dennoch existiert. In den siebziger Jahren waren beispielsweise in eher anarchistischen Blättern wie „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ (später „Zeitschrift für Kraut und Rüben“) Artikel von Murray Bookchin zu lesen.

Murray Bookchin, ursprünglich Kommunist, später Anarchist, vollzog früh eine Abkehr von den Modellen des historischen Materialismus, welche eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft als Voraussetzung für eine befreite, kommunistische Gesellschaft deklarieren. Bookchin beschreibt, dass alleine die ökologische Umweltkatastrophe, welche dies hervorrufen würde, die Existenz der Menschheit vor dem angestrebten Wandel beenden würde.

Bookchin entwirft dagegen eine Idee, unter der Prämisse einer klaren Abkehr vom ökonomischen Wachstumsimperativ, in welcher auf das Empowerment des Individuums hin zum zoon politicon – zum politischen Wesen – gesetzt wird, das sich selbst in den Räten und in der Selbstverwaltung repräsentiert. Das alles findet „vor Ort“ statt, im kommunalistischen Projekt Bookchins wird die Ökonomie nicht verstaatlicht, sondern kommunalisiert – das heißt, Ökonomie wird Teil der Sphäre der politischen Entscheidungen.

Das darauf entwickelte Gesellschaftsmodell, inspirierte Öcalan und die Arbeiterpartei Kurdistans und wurde  im Mai 2005 in das Parteiprogramm des „Demokratischen Konföderalismus“ aufgenommen. Seit der gebietsweisen Rückeroberung hat sich dann die Region Rojava auf der Basis dieses Modelles tatsächlich entwickelt. Die Utopie eines Gesellschaftsmodelles hat es geschafft, in diesen vollständig zerstörten Gemeinden zumindest Ansätze von Hoffnung und bescheidenen Glauben an die Zukunft zu wecken, hat tatkräftiges, konkretes Handeln für einen Wiederaufbau ausgelöst, auch wenn wie immer gilt - Revolution beinhaltet eine riesige Menge an Widersprüchen.

Der Begriff der „Nation“ wird in diesem Konzept aufgelöst hinein in die tatsächliche regionale Identität und Selbstverwaltung. Die regionale Identität ist überschaubar und erklärbar, der Begriff „Nation“ ist immer machtpolitisches Werkzeug – hier tritt der ursprüngliche Gedanke eines unabhängigen kurdischen Staates bereits gelegentlich in den Hintergrund – so wird der kommunalistische Ansatz genau jetzt auch ein interessanter Ansatz für ein Europa, in dem die „Nation“ zunehmend wieder als Machtwerkzeug benutzt wird, sei es in Katalonien oder von der AfD.

Zentrales Thema in diesem Versuch sind vor allem die gegenseitige multiethnische Akzeptanz, Zusammenarbeit unterschiedlicher religiöser Ausrichtungen oder des Atheismus, vor allem aber die gleichberechtigte Mitwirkung von Frauen in einem Teil der Welt, welcher noch immer in einem besonders archaischen Patriarchat verhaftet ist.
Das akzeptieren die uralten Männerbildern verhafteten Autokraten wie Erdoğan, Trump und ihre Verbündeten nicht. Vordergründig dient auch hier wieder der Begriff der „Nation“ als Begründung, aber der Angriff auf Efrîn in 2018 als erster Versuchsballon und der aktuelle, blutige Einmarsch in Syrien sind natürlich auch unter diesem Aspekt zu betrachten.

Einhergehend mit einem glasklaren und konsequenten Wirtschaftsboykott hätte Europa laut und deutlich den einfachen Satz sagen können “… soll Erdogan die Flüchtlinge schicken, wir werden sie mit offenen Armen empfangen, Menschenrechte sind für uns nicht verhandelbar“ – aber neue politische Konstellationen sind ins Visier genommen, von links über grün bis rechts hoffen alle auf nichts anderes als Positionen an den Schaltstellen politischer Macht. Auch im links-grünen Spektrum wird dabei verkannt, dass diese Gier nach Macht und Positionen inzwischen gar zu offensichtlich, für alle spürbar ist und sich aus dieser Verlogenheit die Politikerverdrossenheit und damit auch das rechtsradikale Spektrum speist.


 
                                                                             copyright Foto: D. Rapp


Murray Bookchin hat bereits frühzeitig die Zusammenhänge zwischen ökonomischem und sozialem Gesellschaftssystem, menschlicher Gesundheit und der Natur hergestellt. So war er Mitbegründer des Institute for Social Ecology in den USA.
“…The needs of industrial plants are being placed before man's need for clean air; the disposal of industrial wastes has gained priority over the community's need for clean water. The most pernicious laws of the market place are given precedence over the most compelling laws of biology…” (aus “Our Synthetic Environment” von Murray Bookchin, 1962).

Der Zusammenhang zwischen ökonomischen und politischen Systemen, den damit einhergehenden Wertesystemen und unserem Umgang mit der Natur ist von ihm und anderen also lange beschrieben.
Aktuell erinnert der Auftritt von „Fridays for Future“ ein wenig an die „quartiers“ der Pariser Kommune, Bewegung als Volksversammlung, welche Hannah Arendt als den verloren gegangenen Schatz revolutionärer Traditionen bezeichnete. Hoffen wir also, dass diese neue Bewegung darauf verzichtet, mit dem links-grünen Machtspektrum zu koalieren.

Mögen sie stattdessen vielleicht ein wenig bei Murray Bookchin nachlesen. Er beschreibt die Hoffnung, dass wir die „Umweltkrise“ in eine echte Wahlmöglichkeit umwandeln können, lähmende Strukturen wie das Denken in Nationen und rein ökonomisch geprägten Wertesystem hinter uns lassen – denn, eine Gesellschaft, die immer nur das angeblich Machbare im angeblich Unveränderbaren diskutiert, eine Gesellschaft ohne utopischen Entwurf ist am Ende immer den Autokraten hilflos ausgeliefert.