Donnerstag, 1. April 2021

Rituelle Handlungen

Demokratische Gesellschaften haben es versäumt, ihre eigenen Riten zu kreieren. Dem Gang zur Wahlurne oder den gesetzlichen Feiertagen weltlicher Prägung fehlt die rituelle Aufladung und damit auch jedes Moment der Erlösung.

Pandemiebedingt fallen weltweit zum zweiten Mal die Osterfeierlichkeiten aus – Riten aus einer archaisch anmutenden Zeit. Laut Umfragen fehlt den Menschen der Wohlstandsgesellschaften jedoch vor Allem das „Shoppen“.

Sind menschliche Gesellschaften ohne eigene Riten zukunftsfähig?

Spanien, Gründonnerstag 2019




























copyright Fotos D. Rapp


Freitag, 19. März 2021

 

Ein Versuch über Sprache und die Tugendhaftigkeit des Gender*Sternchens

Ihr richtet streng, der Sitte heil'ge Vehm',
Und schleudert auf mein Haupt das Anathem!
Mögt ihr zu Boden stürzen eure Kerzen
Und schlagen an die Brust, so tugendreich:
Ich fühl' es mächtig in dem tiefsten Herzen,
Daß meine Sünde eurer Tugend gleich…
Ihr wollt das Glück in eurer Tugend finden,
Ich finde meine Tugend nur im Glück...

Auszug aus  „An die Frauen“ von Louise Aston in "Freischärler Reminiscenzen"

Divers bedeutet verschieden, abweichend, einige oder mehrere. Warum gibt es Überlegungen, in der deutschen Sprache die Diversität von Geschlechteridentitäten auf ein einziges Zeichen, also das klare Gegenteil von Fülle und Vielfalt, den sogenannten Genderstern* zu reduzieren - eine Spurensuche: 

Das Koordinationsbüro für Frauenförderung und Gleichstellung der Technischen Universität Berlin hat einen Leitfaden für geschlechtersensible Sprache veröffentlicht*. Es geht darin um, Zitat "demokratische Tugend" und die Sichtbarmachung Aller. Zitat: Das Koordinationsbüro für Frauenförderung und Gleichstellung empfiehlt das Gender-Sternchen*.“

Im Vorwort von Prof.*in Dr.*in Sabine Hark findet sich gleich am Anfang der Satz „Bis 1977 durfte eine verheiratete Frau nur mit Zustimmung ihres Ehemannes erwerbstätig werden“ – fake news in Reinkultur: seit 1950 konnten Frauen in der DDR bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit ohne jede Einspruchsmöglichkeit des Ehemannes einer Arbeit nachgehen.

In einem Leitfaden für die sprachliche Sichtbarmachung von Menschen werden also gleich am Anfang Millionen in der DDR lebende Frauen unsichtbar gemacht. Handelt es sich hier „nur“ wieder um einen Ausdruck westdeutschen Überlegenheitsgefühls oder wird die ungesicherte bzw. falsche Behauptung vorsätzlich verwendet? Auch in der BRD gab es nicht ein Einzelereignis 1977, sondern, schlimm genug, prozesshafte Entwicklung seit 1958 („Gleichberechtigungsgesetz“) über 1977 (Reform des Ehe- und Familienrechts) bis in die heutige Zeit.

Aktuell wird versucht, einen neuen Sprachgebrauch vorzuschreiben, ohne das eigentliche Wesen von Sprache zu beachten. Das Wesen von Sprache ist Ausdruck und Abbildung von Zuständen und Entwicklungen. Im Versuch, etwas vorzuschreiben stört es natürlich, vorherige Ereignisse als das zu beschreiben, was sie sind, nämlich Prozess.

Berlin ist historisches Epizentrum in Versuchen politisch motivierte Sprache in die Gesellschaft zu implantieren. Trotz des DDR-Verbotes von einer Mauer zu sprechen blieb der „antifaschistische Schutzwall“ eine Mauer. In der davor liegenden Diktatur hat das Propagandaministerium des Herrn Goebbels in den medialen Sprachgebrauch eingegriffen. So gesehen sollte eine Universität in Berlin nochmals sensibler mit „Sprachleitfäden“ umgehen.

Wissenschaft ist immer eine Momentaufnahme, das beständige Forschen und in Fragestellen ist daher zentrales Thema einer jeden Universität. Genügt also der weitere Text dieses Leitfadens universitären Ansprüchen?

Eine darin folgende, zentrale Behauptung lautet, dass in der Gesellschaft eine relevante Skepsis gegenüber normierender Zweigeschlechtlichkeit existiert (Zitat „… nicht alle Menschen verstehen sich ausschließlich und immer als Frau oder als Mann, sondern beispielsweise als trans, inter, genderqueer oder nicht-binär. Das macht Frauenförderung selbstverständlich nicht überflüssig. Deutlich wird aber, dass wir uns gegenwärtig in einem Spannungsfeld zwischen der fortdauernden Notwendigkeit von Frauenförderung und der Skepsis gegenüber normierender Zweigeschlechtlichkeit bewegen.“).

Da es sich um eine universitäre Veröffentlichung handelt, müssten sich im Anhang Querverweise auf Studien finden, die dieses Spannungsfeld als gesellschaftlich relevantes Phänomen belegen. Wie viele Menschen erklären sich beispielsweise als Nicht-Binär? und, wie viele Menschen sagen, dass Nicht-Binäre Menschen in unsere Sprache eingeführt werden müssen? Es ist eine Behauptung, entsprechende Studien existieren jedoch nicht, daher auch keine Quellenangabe.

Obwohl es sich um einen universitären Leitfaden handelt, er sich also an alle Disziplinen richtet, wird eine Frage, wie in der gesamten Debatte, überhaupt nicht verhandelt: Schreiben wir auch uns verwandten Tierarten beispielsweise die Möglichkeit des Nicht-Binären zu (z.B.: Im Zoo waren die Kinder besonders gerne bei den Schimpans*innen?). Es wird nicht verhandelt, das Motiv dafür findet sich im Nicht-Binären selbst. Dessen Grundlage ist die vollständige Ablösung des Menschen von biologischen Zusammenhängen, damit existiert natürlich erst Recht keine Verbindung zwischen Mensch und Tier. Nicht-Binäre Menschen erschaffen sich selbst – aus was eigentlich?

... part of the family? Copyright D. Rapp

Menschen in Gefahr?

Menschen, welche als Teil kleiner Minderheiten leben, also vom als gesellschaftliche Norm Empfundenen abweichen, wissen immer auch, dass Minderheiten potentiell Gefahr drohen kann. Indem Minderheiten in das gesellschaftliche Rampenlicht gerückt werden, entsteht Bewegung. Die Geschichte zeigt, dass bereits latente Genervtheit hervorragender Nährboden für reaktionäre Kräfte sein kann, um Aggression gegen diese Minderheit zu schüren. Wenn also eine Minderheit sich bewusst emanzipieren möchte, so ist sie sich dieser Gefahr bewusst und kann sich dem stellen.

Unbestritten notwendige gesetzliche Änderungen oder die Abschaffung entwürdigender Verfahren richten sich an die Betroffenen, dienen einem gleichberechtigteren Leben. Das Vorschreiben veränderter Sprache dagegen richtet sich an Alle, will in diesem Fall die Existenz von Minderheiten „per Dekret“ im Leben Aller permanent vergegenwärtigen.

Jede Universität trägt besondere gesellschaftliche Verantwortung. Grundlage für einen Leitfaden, welcher Minderheiten derart ins Rampenlicht holt, ist daher zwingend eine Untersuchung, ob diese Minderheiten das so überhaupt wollen. Würde vielleicht mancher nur gerne "ganz normal und unauffällig" leben, fürchten sich gar manche angesichts der Vehemenz der Debatte?

Entsprechende Untersuchungen fehlen. Grundlage solcher Studien wäre zunächst verlässliches Wissen darüber, wie viele Menschen diesen Gruppen angehören und bereits darüber gibt es sehr unterschiedliche Aussagen (z.B. Zitat: „Für intersexuelle Menschen variieren – je nach zugrunde liegender Definition – die absoluten Zahlen in Deutschland zwischen 8.000 und 120.000“ aus „Situation von trans- und intersexuellen Menschen im Fokus“, BMFSFJ 2016).

Bekannt ist allerdings, dass z.B. ca. 16% der Bevölkerung besorgt sind, Kinder mit Transsexuellen zu konfrontieren. Die Frage, ob sich derartiges mit dem im Leitfaden vorgeschriebenen Sprachgebrauch verbessern lässt, oder im Gegenteil eher Aggression forciert, wird nicht verhandelt - aber bereits 18% unterstellen Transsexuellen eine Sonderstellung (Befragung Meinungs- und Marktforschungsinstituts Ipsos 2017).

Die konsequente Geschlechtsumwandlung führt immer zu Narbenbildung. Wir müssen dem achtsam begegnen. Ob aber unter der Narbe als sichtbarer Spur einer Beschädigung deren Überwindung liegt, ist jedes Mal ein ganz persönliches Einzelschicksal – es taugt nicht zum Gesellschaftsmodell und sollte erst Recht nicht zu politischem Propagandamaterial verkommen.

Genau diese Menschen jedoch sind die größte Gruppe innerhalb derer, die da mit dem *Sternchenwort gemeint sind. Ihr Lebenswunsch ist die eindeutige Zuschreibung des männlichen oder weiblichen – nur eben genau anders als sie geboren wurden. Mit dem *Sternchenwort wird dieser Wunsch verhindert, es ist die andauernde Erinnerung daran, Teil einer Minderheit zu sein.

Tatsächlich forciert wurde die Debatte ausgehend vom sogenannten „dekonstruktiven Feminismus“ mit der Behauptung, dass männlich und weiblich reine Konstruktionen seien (s.z.B. Judith Butler, Gender Trouble, 1990). Wie passt diese Behauptung der Ablösung des Menschen von biologischen Zusammenhängen in einen Moment, in dem wir eigentlich erkannt haben, dass „Mensch“ nur dann überlebt, wenn wir die Natur endlich wieder in den Mittelpunkt all unseres Denkens rücken?

Demut gegenüber der Natur ist unerlässlich, Demut aber ist eine in Vergessenheit geratene Tugend in einer Zeit, in welcher der Mensch glaubt, er könne von der Umwelt über das Wetter bis hin zur eigenen Geschlechtlichkeit alles gestalten oder zerstören oder retten. Gibt es da nicht gerade ein kleines Virus als warnenden Hinweis, dass das eine krasse Fehleinschätzung sein könnte?

 

Anmerkung: der Autor plädiert weiterhin für eine Schreibweise mit dem wunderbaren Wörtchen "und"

*KFG Geschlechtersensible Sprache – Ein Leitfaden, 2018, hier zitiert Auflage 2020: https://www.tu-berlin.de/fileadmin/a70100710_gleichstellung/Diversity_Allgemeines/KFG-Leitfaden_geschlechtersensible_Sprache.pdf

 

Samstag, 13. März 2021

 

Ich bin blond und blauäugig – persönliche Betrachtungen eines Migranten

Anlässlich meines fünfzigsten Geburtstages habe ich mir ein Fußballtrikot mit der Aufschrift „El Rubio“ und der Rückennummer 50 drucken lassen – El Rubio heißt der Blonde und dieser Blonde lebt jetzt schon einige Zeit in Spanien, im Land der Dunkelhaarigen – bereits meine Physiognomie macht mich hier zum Anderen.

Jetzt bin ich nicht nur blond und blauäugig, sondern auch noch gerne pünktlich – in Deutschland bin damit einfach ein Blonder, der pünktlich ist, im Süden bin ich damit jedoch sofort als typisch deutsch identifiziert, es wird generalisiert.

Natürlich sind nicht alle Deutschen pünktlich! Es ist ein Vorurteil, so wie z.B. „alle Menschen mit schwarzer Hautfarbe hören immer Rap-Musik“ – da spüre ich jetzt schon die ersten Zuckungen des geneigten Lesers, es ist zunächst aber nichts anderes, nämlich auch ein Vorurteil.

„Flamenco ist eine typisch spanische Musik (Kunst)“ - bei dieser Behauptung wird dir zumindest jeder Spanier nördlich von Madrid sofort ins Gesicht springen. Tatsächlich entspricht die Ausbreitung des Flamenco in Spanien lediglich dem einstigen Kerngebiet von al Andalus. Die Wurzeln des Flamenco liegen in Indien, vorgetragen wurde er zumeist von „Gitanos“. Ursprünglich nur Text mit einem Unterton der Trauer und des Jammers als Ausdrucksform der Unterdrückten wurden Tanz und Gitarre erst später in die Flamencokunst eingefügt.

Das Vorurteil unterscheidet sich von der Vorverurteilung. In der Auseinandersetzung mit dem Vorurteil können wir lernen. Das Vorurteil begegnet uns gelegentlich bereits im ganz einfachen oder alltäglichen und es begleitet die Menschheit als Wesenszug in vielerlei Ausprägung seit Anbeginn, denn es war „sicherheitsrelevant“.

Grundlage eines jeden Vorurteils ist immer die Bildung von Gruppen, die Zuschreibung von Eigenschaften gegenüber der anderen Gruppe und damit zugleich immer auch die Herstellung eigener Identität als Unterschied zum Anderen.

Das Erkennen der Absichten des Anderen war in archaischen Gesellschaften überlebenswichtig. Indem wir es heute schaffen, dem Anderen nicht automatisch böse Absichten zu unterstellen, uns nicht sofort bedroht fühlen, sondern uns für das Anderssein interessieren, erbringen wir eine soziokulturelle Leistung, wir können lernen und uns entwickeln.

In der aktuellen Debatte wird das zentrale Thema des Begriffes Rassismus ignoriert: Rassismus ist immer eine Zuschreibung die eine Bewertung enthält, regelhaft ein Überlegenheitsgefühl des Zuschreibenden, selten ein Unterlegenheitsgefühl. Rassismus kann also nur in der bewertenden „Aktion“ des Zuschreibenden liegen, beispielsweise der Herabwürdigung oder Benachteiligung des Anderen.

Wenn ich in Spanien pünktlich zur Esseneinladung erscheine, wo gerade erst überlegt wird, was denn vorbereitet werden müsste, so wird mir nicht feindselig begegnet, sondern freundlich nachsichtig – typisch deutsch – und ich wiederum übe mich im „Zuspätkommen“. Es gibt real existierende kulturelle Unterschiede, das ist eigentlich bekannt. Was passiert jedoch aktuell, wenn in Deutschland, zum Beispiel ein Afrikaner eine Stunde zu spät zum Sonntagsbraten erscheint und jemand sagt „typisch Afrikaner“?

Ich lebe zusammen mit einer Frau mit polnischen Wurzeln – neigt sie also zum Autodiebstahl? – und wie soll ich jetzt meinen Neffen nennen, dessen Großvater afrikanische Wurzeln hatte? Bin ich blond und daher blöd und kann mir den neuen, meist leider englischen und rasch wechselnden Sprachgebrauch politischer Korrektheit nicht draufschaffen? - „Victim Blaming“, „Tokens“, „Allys“, „Triggern“, „white washing“ – und immer wieder wird einstmals positiv bewertetes Interesse am Anderen unreflektiert als Rassismus ausgelegt.

Ich bin blond, lebe in Spanien und kann mich in der Landessprache verständigen. Wenn ich auf dem Finanzamt versuche, Angelegenheiten auf Spanisch (castellano) zu regeln, der Finanzbeamte aber konsequent seine Minderheiten-Regionalsprache spricht, so zeigt er mir seine Fremdenfeindlichkeit.

Werde ich wieder mal englisch angesprochen, so nervt auch das gelegentlich, ich bin definitiv kein Engländer - wie in Madrid, ich reagiere äußerst unfreundlich und werde daraufhin von unseren spanischen Freunden darauf hingewiesen, dass da jemand nur versucht hat, mich freundlich anzusprechen und natürlich haben sie an dieser Stelle Recht mit ihrer Kritik an meinem Verhalten.

In einem Nachbarschaftskonflikt hatte ich versucht, meine Position zu erklären und einen Brief an die Familie geschrieben. Der Schwiegersohn des Nachbarn war ziemlich sauer und klärte mich auf – hier würde man über sowas nicht diskutieren oder gar Briefe schreiben, sondern hier würde man die Nachbarn anzeigen. Hatte man bis vor geraumer Zeit noch das Recht, zu erfahren wer die Anzeige erstattet hat, so gibt es jetzt auch die anonymisierte Anzeige. „Soziokulturelle“ Details, die man als „Migrant“ kennen sollte in restriktiven Coronazeiten.

Galt es vormals als Ideal, dass sich aus der Neugierde in der Begegnung mit dem Anderen, aus dem Zusammentreffen von „Verschiedenheit“, Fortschritt ergeben kann, so versuchen aktuell egogetriebene Gesellschaften alles in das Regime des eigenen Ich zu holen – geduldet wird nur noch das Spiegelbild der eigenen Ansichten.

Weite Teile sich als „fortschrittlich“ empfindender Menschen verweigern den differenzierten Blick,  der Unterschied zwischen Vorurteil und Rassismus wird mit dem Ergebnis ignoriert, dass jetzt einige glauben, sie müssten viel selbstkritischer sein, ihren eigenen Rassismus bekämpfen – provoziertes schlechtes Gewissen als Erfolgsgarant für „Linkspopulisten“?

Rassismus bedarf der beabsichtigten oder unbeabsichtigten, immer aber wertenden Aktion. Frage ich einen Gitano, ob er Flamenco tanzt, so mag es ihn nerven, ist aber nicht wertend, ergo nicht einmal subtil rassistisch. Sind aber laut Umfragen die Gitanos für einen erheblichen Anteil der Bevölkerung Kleinkriminelle, die freiwillig in ärmlichen Verhältnissen leben - sie bekommen keinen Mietvertrag oder Arbeitsplatz – so ist das, wie jede andere Herabwürdigung oder Benachteiligung, rassistisch.

Eine Gesellschaft jedoch, die jede Debatte auf das Entweder oder Oder zuspitzt, kann sich nicht entwickeln. Es entsteht „Lagerdenken“ und daraus die aktuell zu beobachtende Wut auf allen Seiten. Erst aus Differenzierung, komplexem Denken und dem Anerkennen des Anderen, entsteht Bewegung und nachhaltige Entwicklung und jede Entwicklung braucht die praktische Umsetzung.

Soeben wurde in Deutschland ohne jede Aufregung ein „Lieferkettengesetz“ durchgewunken, welches nicht einmal ansatzweise die Anforderungen der UN/ Guiding Principles on Business and Human Rights (UNGP) gesetzlich verankert, keine Demonstrationen, keine permanenten Debatten – nichtdeutsche Kinder werden weiter mit bloßen Händen Rohstoffe aus der Erde kratzen. Wenn genau gleichzeitig die Digitalisierung von Schulen ohne Wenn und Aber vorangetrieben wird, so ist das gelebter Rassismus: das Motto bleibt „by children for children“ - nicht einmal das sehr löchrige TCO-Siegel ist durchgängig als Mindeststandard gefordert (lediglich für Monitore wird das TCO-Siegel z.T. als „Sozialstandard“ gefordert). 

Statt dem ungebrochenen Kolonialismus in modernem Gewand Einhalt zu gebieten, sind die momentan geführten Rassismus Debatten doch deutlich angenehmer, sie erfordern keinerlei Verzicht. 

Und so werden die anderswo herrschenden Vorurteile gegenüber Deutschland einmal mehr als Realität manifestiert – ökonomisch erfolgreich, weil rücksichtslos. Es begegnet mir in so manchem politischem Gespräch und dennoch bleibe ich der „Deutsche“ im Süden – gelegentlich angestrengt, am Ende aber immer lernend, über die Anderen und in der eigenen Erklärung auch immer wieder den Blick geschärft über meine Wurzeln.


Sonntag, 27. Dezember 2020

 Grundrechte und Beschränkungen – auf Spurensuche

Die Covid-19 Krise hat den Begriff „Grundrechte“ in den Mittelpunkt gerückt. Erstmals seit Jahrzehnten stehen für die wohlhabenden Menschen in den Industrienationen persönliche Rechte zur Verhandlung.

Am 10. Dezember 1948 wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Diese Resolution beinhaltet eine Präambel und 30 Grundrechtsartikel. Hierzu gehören (Zahlen aus UN-Veröffentlichungen):

Artikel 25 – Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschl. Nahrung, Kleidung, Wohnung …

·         Wasser: 2019 hatten 2,2 Milliarden Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser

·         Ernährung: 2019 litten ca. 690 Millionen Menschen an chronischem Hunger, weitere Millionen an akutem Hunger und nochmals weitere Millionen an sogenanntem verborgenen Hunger

·         Wohnen: 2019 waren alleine 80 Millionen Menschen auf der Flucht und damit ohne Wohnung - Gründe für die Flucht waren unter anderem Verfolgung, Gewalt, Kriege und drastische  Menschenrechtsverletzungen in den Herkunftsländern, aber auch Naturkatastrophen

Artikel 26 – Jeder hat das Recht auf Bildung …

·         Bildung: 2018 hatten mindestens 264 Millionen Kinder keinerlei Zugang zu Bildung

·         Kinderarbeit: 2020 arbeiten ca. 152 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren, davon 73 Millionen in massiv ausbeuterischen Verhältnissen

Beispiel: Nach Angaben von Unicef arbeiten rund 40.000 Kinder in Minen im Süden des Kongo. Ihr Verdienst liegt bei 1 bis 2 US-Dollar am Tag. Dafür müssen sie bis zu 24 Stunden unter Tage verbringen, hierunter auch siebenjährige Kinder. Kobalt für Smartphone Akkus ist einer der Rohstoffe, den Kinder nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International dort abbauen.

Im Jahr 2018 lebten nach einer Veröffentlichung der Weltbank 3,4 Milliarden Menschen unterhalb der Armutsgrenze (Definition z.B.: in Ländern mit mittlerem Einkommen weniger als 2,80 €/ Tag zur Verfügung). Als Auswirkung der Covid-19 Pandemie verschärfen sich aktuell alle diese eindeutigen Verstöße gegen die Menschenrechte – und es gibt einen klaren ursächlichen Zusammenhang des Reichtums der „Industrienationen“ mit diesen dramatischen Verhältnissen. 

copyright Foto D. Rapp

Seit Bestehen der BRD gab es in keinem Jahr so viele Demonstrationen für die Einhaltung der Grundrechte – ist das Land also aufgewacht und setzt sich jetzt ein für die Millionen Menschen und deren oben beschriebene Schicksale, hat ein Land endlich verstanden dass dieser in der Menschheitsgeschichte nie dagewesene Reichtum einer ganzen Gesellschaft und damit die Freiheit eines jeden einzelnen Bürgers gleichzeitig auf genau diesen Grundrechtsverletzungen basiert?

Die Demonstrationen verhandeln jedoch ausschließlich die angeblich dramatische Einschränkung der Grundrechte in der BRD – unterschiedlichste Gruppierungen beklagen es – angeblich niemals in der Geschichte der BRD wurden die Grundrechte derart massiv eingeschränkt.  

Eine Unterbindung der Meinungsfreiheit findet jedoch nicht statt, pandemiebedingte Einschränkungen im beruflichen werden in einem Umfang finanziell ausgeglichen, wie er in der restlichen, gleichfalls pandemiegeplagten Welt schlichtweg nicht stattfindet, selbst die vielleicht bittersten Einschränkungen im Bildungswesen ergeben dann immer noch Bedingungen um die deutsche Eltern von Milliarden beneidet werden.

Ein Standardargument lautet, man sei in Deutschland und müsse sich daher im eigenen Land für die Grundrechte einsetzen – ignoriert wird dabei, dass die oben aufgeführten Grundrechtsverletzungen eben genau in Ländern wie der BRD ihren Anfang nehmen.

 

Wie ist diese Vehemenz und Diversität der „Grundrechtskämpfer“ also zu interpretieren? Die Debatte offenbart eine entscheidende, bereits zuvor erkennbare Fehlstelle: wo Rechte sind, da sind auch Pflichten, eine uralte, aber weitgehend in Vergessenheit geratene Wahrheit. Nur wenn Rechte und Pflichten sich im Gleichgewicht befinden, entwickelt sich ein System weiter.

In der BRD nehmen die katholische, die jüdische und die islamischen Glaubensgemeinschaften das Grundrecht auf Religionsfreiheit in Anspruch, ohne sich gleichzeitig zu verpflichten, die Gleichstellung von Mann und Frau in ihren Inhalten wie auch Strukturen vollumfänglich umzusetzen, es entsteht eine Unwucht.

Hier wie in anderen Bereichen wird eine Hierarchie der Grundrechte hergestellt. In einem eigentlich säkularen Staat wird die Religionsfreiheit über der Gleichstellung von Mann und Frau angesiedelt. Da ca. ein Drittel der Bevölkerung diesen Religionsgemeinschaften angehört, kann die Gleichstellung von Mann und Frau in der Gesellschaft nicht durchgesetzt werden (22,6 Millionen Katholiken; einhunderttausend Juden; 5,6 Millionen Islamgläubige) – es ist dies nur eines von hunderten Beispielen, wie sogenannte demokratische Gesellschaften heute agieren.

Der vorrangig gesetzte Schutz des Eigentums versus der deutlich untergeordneten sozialen Verpflichtung aus Eigentum sorgt zunächst national für zunehmende Unwucht und wirkt absehbar global kriegstreibend. Von grün bis rechts, Aufrüstung wird in Deutschland wieder deutlich eingefordert, es gilt, demnächst die Besitzstände international auch wieder militärisch zu verteidigen.

Freiheit im Handeln und in der Bewegung ist immer wohlstandsabhängig – das gilt auch für die Freiheit im Denken. Wer den ganzen Tag damit beschäftigt ist, seinen Mindestbedarf an Nahrung zu besorgen, hat kaum Möglichkeiten, über dieses Problem hinaus zu denken.

 

Die Inanspruchnahme von Rechten bedingt also immer die Erfüllung von Pflichten und zwischen diesen beiden bestehen oftmals Widersprüche oder Konfliktpotenzial. Auch hierzu gibt es eigentlich globale Verabredungen.

So haben sich die Mitgliedsstaaten der UN völkerrechtlich verpflichtet, Menschen vor wirtschaftsbezogenen Menschenrechtsverstößen zu schützen – durch angemessene Politik, Regulierung und Rechtsprechung - Unternehmen haben die Verantwortung, Menschenrechte zu achten. Sie sollen mögliche negative menschenrechtliche Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit beenden, sowie sich um Wiedergutmachung bemühen (UN Guiding Principles on Business and Human Rights (UNGP)- s.a. die aktuelle Schweizer Abstimmung über Unternehmensverantwortung) – auch diese Verpflichtung ist in der BRD nicht konsequent gesetzlich umgesetzt. 

copyright Foto D. Rapp

 Jedes Menschenleben zählt – ein Satz den Politik im Jahr 2020 immer wieder postuliert hat. Eine Gesellschaft jedoch, die nicht einmal ansatzweise wirklich versucht, diesen Grundsatz zu leben, wirkt vollständig unglaubwürdig. Globales Denken existiert weiterhin nicht. Um die Klimabilanzen westlicher Gesellschaften zu schönen, werden eine Energiewende und neue Technologien gefördert, die zu einer Landschaftszerstörung bislang unbekannten Ausmaßes führt. Alleine das hierfür in den nächsten 30 Jahren benötigte Kupfer wird den Gesamtkupferabbau der vergangenen 7000 Jahre seit Beginn der Kupferzeit übersteigen – mit katastrophalen Folgen für Millionen Menschen.

Bereits für den aktuellen Ressourcenverbrauch bräuchte es den Planeten Erde 1,5 mal – da die absolute Mehrheit der aktuell lebenden Menschen nichts hat, worauf sie verzichten könnte, geht es also schon längst nicht mehr nur um gerechtere Umverteilung, sondern vor Allem um dramatischen Verzicht in den Industrienationen – werden im Wahljahr 2021 Politiker mit dem einzigen zukunftsträchtigen Slogan, dem Werben für Verzicht auf unangemessenen Wohlstand einer ganzen Gesellschaft antreten?

In einem System, welches glaubwürdig im Sinne globalen Wohlergehens agiert, gelingt es auch im Privaten, für das große Ganze, die Überwindung einer pandemischen Lage, mal ein paar Tage zu Hause zu bleiben. Eine Gesellschaft, die global rücksichtslos und egoistisch agiert, kann auch im Privaten keine Einsicht auf die Notwendigkeit von Verzicht erwarten, sondern wird dort am Ende immer den gleichen Egoismus als Spiegel ihrer selbst finden.

 

Die gegenwärtigen, westlich geprägten Gesellschaften sind nicht fortsetzbar, die Kinder von heute werden in gänzlich anderen Systemen leben – die Pandemie hat, auch aufgrund ihrer Globalität, diese Bruchstelle markiert und für alle sichtbar gemacht. Aktuell ist das Versprechen wieder einmal eine technische Lösung, die Impfung – das eigentliche Motiv wird nicht verhandelt.

Das Virus als Bestandteil natürlicher Prozesse kennt keine Versprechen oder Emotionen, schadet nicht dem Meer noch dem Berg – kann der Mensch es verstehen als Aufforderung sich auf das Wesentliche zu konzentrieren? Das Wesentliche zeigt sich klar und unverwaschen, duldet nicht die Ausrede noch den faulen Kompromiss – wer sich diesem Wesentlichen nähern möchte, ist nicht in Gefahr Freiheit mit Egoismus und Ablenkung zu verwechseln.


copyright Foto D. Rapp

Sonntag, 10. Mai 2020


… und täglich grüßt das Murmeltier oder „blurred life“

Dasein ist geprägt durch Prozess und Überraschung, durch Kontinuität und Entwicklung, aber auch durch die Zerstreuung in das Vielerlei dessen, was täglich passiert – ist Dasein jedoch verloren in der ständigen Wiederholung eines scheinbar immergleichen Heute?


copyright Foto: D. Rapp

Donnerstag, 7. Mai 2020


Das Fest des Lebens und die Türsteher


Die Bilder des „Studio 54“ sind Mythos geworden, haben überdauert als Symbol für grenzenloses Feiern. Erstmalig jedoch wurden in einem bekannten Club Türsteher eingesetzt mit dem Ziel, eine „interessante“ Publikumsmischung zu kreieren – eine Gratwanderung.
Natürlich sei es jedem Veranstalter überlassen, eine thematisch orientierte Party zu veranstalten an welcher beispielsweise nur Menschen mit entsprechendem Kostüm teilnehmen dürfen. Es herrscht aber Einvernehmen darüber, dass beispielsweise eine Veranstaltung nur für Menschen mit weißer Hautfarbe rassistisch wäre, verboten in demokratischen Systemen – die Kriterien des Studio 54 „schön“ oder „interessant“ waren so gesehen sehr eindeutig Gratwanderung.


                                        
Zugangsbeschränkung und Virus, es existiert eine immer noch gültige Verbindung. Seit 1988 bis 2010, über eine Dauer von 22 Jahren durften HIV-Positive Ausländer die USA nicht besuchen. Das Besuchs- und Einwanderungsverbot war Ende der 80er-Jahre ausgesprochen worden, als etliche Länder entsprechende Maßnahmen gegen die Ausbreitung von HIV/Aids in ihrer Bevölkerung ergriffen.
Aktuell gelten in 48 Ländern, Territorien und Regionen der Welt immer noch bestimmte Formen von Reisebeschränkungen, die im Zusammenhang mit HIV stehen. 18 davon verlangen in verschiedenen Fällen der Einreise eine HIV-Testung bzw. die Offenlegung des HIV-Status, elf weitere ergänzen das mit Einreise- bzw. Aufenthaltsverboten für HIV-Positive; 19 Regionen weisen ausländische Erkrankte zusätzlich sogar aus.

Auch alternative Welten kennen diese Ausgrenzung, so ist bis in die 2010er Jahre bestätigt, dass beispielsweise für das Betreten des Ashram in Poona (Osho International Meditation Resort) ein on-the-spot HIV-Test erforderlich war (Informationen über 2020 liegen nicht vor)
Laut UNAIDS schützen solche Regelungen die öffentliche Gesundheit nicht – stattdessen untergraben sie die Bemühungen und Fortschritte im Bereich der Prävention und Behandlung. „Für Millionen von Menschen in aller Welt, die mit HIV leben, sind das wiederholte Verletzungen ihres Rechts auf Privatsphäre, auf Gleichberechtigung und Gleichbehandlung; und sie sind eine ständige Erinnerung an das HIV-bezogene Stigma“, heißt es auf der Webseite der Organisation.

                                                                                                            
Jede Stigmatisierung, jede von außen dirigierte psychologische Präsenz einer Schwäche ist zugleich auch immer Schwächung der physischen Widerstandskräfte der Betroffenen.
Im Zuge der Covid-19 Krise werden analoge Maßnahmen diskutiert – von der „Gesundheits“-App bis zum „Gesundheits“-paß – jede dieser Maßnahmen wird stigmatisieren, Gesellschaften teilen. Der vorgeblich Resistente wird Vorteile genießen, solidarisches Handeln wird systematisch abgebaut. In Krisenzeiten, also auch den folgenden ökonomischen oder ökologischen Krisen lassen sich unsolidarische Gesellschaften leichter steuern.

Aktuell liegt es also an jedem Einzelnen, ob er durch solidarisches Handeln, also die restriktive Einhaltung einiger weniger Regeln wie Abstand gegenüber Jedem, egal ob Freund oder Unbekannter, durch das Tragen von Masken oder die Einhaltung von Hygienevorschriften die Tür zum Fest des Lebens für alle öffnet, oder ob der Weg freigemacht wird für die Türsteher, die mit ihren Apps und Pässen genau diese Tür für einige verschließen – es könnte sein, dass die "Clubbetreiber" nicht mehr auf diese "digitalen Türsteher" verzichten wollen.

copyright Fotos: D. Rapp



Mittwoch, 1. April 2020


Der große Rausch und Bewegungen auf der Weltenbühne (historisches Kompendium)


Das britische Empire war als Handelsgroßmacht zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf der Jagd nach Gütern wie Baumwolle, Tee oder Pfeffer. Indien wird dabei wichtiger strategischer Knotenpunkt. Dort, im Tal von Benares wächst der beste Mohn der Welt. 
Die Briten optimieren den Anbau und steigern die Produktion. Sie möchten mit Hilfe des Opiums den Zugang zum damals wichtigsten Markt der Welt erzwingen: China. Das Reich der Mitte verweigert sich dem Freihandel, es exportiert seine Waren wie Porzellan und Tee gewinnträchtig zu hohen Preisen, aber es importiert nichts. China als älteste Wirtschaft der Welt braucht keine fremden Güter, existiert weitgehend autark.

Es war nahezu unmöglich, Waren zu finden, welche man in der am weitesten entwickelten Konsumgesellschaft jener Epoche verkaufen konnte. Ein abgeschottetes Reich jedoch mit einer Schwäche, die Eliten hatten eine Neigung zum Drogenkonsum. Eine dieser Drogen wurde das Opium. Nachdem dieses als Problem erkannt war, verbat der Kaiser den Konsum von Opium in China.
Dieses Verbot einer suchterzeugenden Substanz und der Expansionswille der Engländer ist Ausgangspunkt der Geschichte des Drogenhandels – Drogen als Konsumgut, welches aus zunächst freiwilligen Konsumenten unfreiwillige Konsumenten macht.

Die honorigen Briten William Jardine und James Matheson transportieren mit Billigung und Unterstützung der britischen Regierung riesige Mengen Opium von Indien nach China. Mittels Bestechung hoher Beamter in der Bucht von Kanton schaffen sie die Droge in das Landesinnere und beginnen eine gewinnträchtige Zusammenarbeit mit mächtigen Geheimbünden, den chinesischen Triaden.



Mit der Opium- Infiltration begann die Zersetzung des bis dahin funktionierenden Staates. Im Kampf gegen die Drogensucht veranlasst der chinesische Kaiser 1839 eine große Verhaftungswelle und lässt 20.000 Kisten britisches Opium vernichten. Jardine und Matheson überreden daraufhin die britische Regierung militärisch einzugreifen – es beginnen die sogenannten Opiumkriege. Als Folge des am Ende dieses Krieges den Chinesen diktierten Friedensvertrages und dem damit einhergehenden Ende des alten China, versteht China sich noch heute als seinerzeitiges Opfer des westlichen Imperialismus.

Der Kaiser wird gezwungen, Opium zu legalisieren und Handelsschranken aufzuheben. Hongkong muss an die Briten abgetreten werden und wird Drehscheibe des Drogenhandels. Die hierfür gegründete Hongkong & Shanghai Banking Corp. (HSBC) ist heute die sechstgrößte Bank der Welt, so wie die  Jardine Matheson Group heute global player im Welthandel ist.

Die Öffnung Chinas und die chaotischen Nachkriegsszenarien lösen eine Emigrationswelle aus und mit den Chinesen und ihren Vierteln in allen Teilen der Welt verteilt sich auch die von den Briten initialisierte Drogensucht.

Dienstag, 31. März 2020


Über eine Kultur der Abschottung und die Konzentration auf das große Ganze


Zu Beginn der „Corona Krise“ wurde im Westen mit einer gewissen Häme darüber berichtet, dass die chinesische Führung jetzt wohl einer Bestandsprobe ausgesetzt sei, die sie vielleicht nicht beherrschen würde. Fälschlicherweise wird seit geraumer Zeit die chinesische Führung in einen Topf geworfen mit autokratischen Führungen wie sie von Russland bis in die USA auferstanden sind.
Diese Fehlinterpretation, auch sogenannter seriöser Medien, basiert auf erheblichen Wissenslücken über chinesische Geschichte, die bereits in okzidentalen Bildungssystemen angelegt und bis heute nicht überwunden ist.

In der Ming Dynastie beispielsweise, einer dieser Blütezeiten chinesischer Kultur, lebte dort bereits ein Drittel aller die Erde bevölkernden Menschen.
Im 15. Jahrhundert verfügte China für eine kurze Epoche über eine Schiffsflotte mit den größten jemals gebauten Holzschiffen. Diese Flotte bewegte sich auch nach Westen, bis Afrika, ohne jedoch militärisch expansiv zu werden – es ging wie heute um neue Handelswege, so wie China heute weltweit Infrastrukturen aufbaut und damit eine ganz andere Akzeptanz erwirbt als der Westen mit seinen weiterhin kolonial geprägten Mitteln.
China versteht sich seit Jahrtausenden als das Reich der Mitte, expansives Denken findet nicht statt und so ist folgerichtig auch Abschottung seit alters her ein wichtiges Prinzip und die chinesische Mauer ihr Bauwerk gewordenes Symbol. Die Kenntnis über dieses Prinzip hat sich aktuell als hilfreich erwiesen.

Wesentlicher Unterschied zu okzidentalem Denken ist jedoch der Blick auf das Ganze. Die gesamte Bevölkerung und eben auch chinesische Führer sind immer schon vor allem Anderen dem Wohlergehen des großen Ganzen verpflichtet, das ist das entscheidende Kriterium. Zwar gab es unter den Herrschenden, wie auch im kleinen privaten diese scheinbar universellen Egoismen, am Ende aber ist das nachrangig – autokratisches Handeln hat damit eine andere Dimension.
Zwar verfolgte die europäische Antike noch andere Ansätze, dann aber, durch alle feudalen Epochen über die Zeit der Industrialisierung bis in die Gegenwart, war und ist das Geschehen durch die Egoismen kleiner Gruppen geprägt – das Wohlergehen aller ist seit Jahrhunderten kein Kriterium.

                                behind the window - dancer Amelia Llop, copyright Foto D. Rapp

Vom esoterisch oder spirituell bewegten Menschen bis zur Finanzindustrie, der westliche Verkaufsslogan lautet seit geraumer Zeit „wenn es mir gut geht, strahlt es auf alle und ist damit positiv“ – Wesentliches Erkennungsmerkmal dieser Egosysteme ist also die gleichzeitige Behauptung, mit der Selbstbezogenheit dem Ganzen zu dienen, ein Widerspruch in sich, der dazu führt, dass diese Systeme aktuell heiß laufen, egal ob Pandemie oder Umweltkatastrophe oder Wirtschaftskollaps.
Einziger Ausweg bleibt damit die Abkehr von allgegenwärtigen Egosystemen, hin zu Ökosystemen – die Vorsilbe Öko geht zurück auf das griechische oikos und beschreibt das ganze Haus, auch Ökonomie und Ökologie haben damit dieselbe Sprachwurzel.

Obwohl die umweltschädliche Prokopfemission der westlichen Industrieländer noch immer weit vor allen anderen liegt, übt sich China nicht in Schuldzuweisungen, sondern setzt mit einem im konfuzianischen begründeten Pragmatismus und radikaler Geschwindigkeit neue Umwelttechnologien in die Praxis um – autoritäres Handeln im Interesse des Ganzen, im Westen dagegen darf jeder gegen die Geräusche einer Windkraftanlage klagen und damit sein Ego über das Ganze stellen.

Gerade linke oder hedonistische Kultur erfährt seit „Fridays for future“ und jetzt durch die Corona Problematik eine schwere Grundlagenkrise. Einerseits werden in demokratischen Wahlen Politiker gewählt, die ganz offensichtlich im ausschließlichen Eigeninteresse Machtmißbrauch und Korruption betreiben, andererseits zeigt China Ansätze, die Problemstellungen der Gegenwart mit autoritären Mitteln wirkungsvoll zu bekämpfen.
Daraus darf sich für die westlichen Egosysteme jedoch keinesfalls ergeben, diese autoritären Mittel einfach zu übernehmen – jetzt die Coronaverfolgung per app ohne den unerlässlichen Wertewandel zu akzeptieren würde zwangsläufig in dunkle Zeiten führen.

Sagte doch bereits Joseph Beuys „die äußere Freiheit hat ja mit Freiheit gar nichts zu tun, denn die Freiheit ist das Anwachsen des menschlichen Bewusstseins“. C. O. Scharmer beschreibt diesen notwendigen Wechsel von den Egosystemen zu Ökosystemen als ein Hineinlehnen in die Zukunft, Denken von der Zukunft her und  er beschreibt ihn als Möglichkeit für den Moment des Endes unserer überkommenen Zivilisation – vielleicht also genau jetzt.

"Frühstücksgespräche" mit Joseph Beuys im Jahr 1985: https://www.youtube.com/watch?v=61L8dPOc9Jw

Sonntag, 22. März 2020

Krieg ohne Krieger


Angesichts der aktuellen Gesundheitskrise wird gelegentlich erklärt, dass wir uns im Krieg befinden. Das erscheint inhaltlich zunächst unsinnig, beinhaltet jedoch zwei ganz unterschiedliche Aspekte.

Einerseits verbinden führende Staatsmänner erstmals in der Geschichte die Erklärung des Kriegszustandes mit der Aufforderung, dass wirklich ALLE zu Hause bleiben mögen – also ein Krieg ohne Krieger, nur noch die Lazarette bleiben geöffnet - konsequent zu Ende gedacht, wäre das ein pazifistisches Zukunftsmodell.

Andererseits ist eine Epoche angebrochen, in welcher die Austragung virtueller Konflikte mit drastischen Konsequenzen möglich geworden ist – gleichfalls ein Krieg ohne Krieger und auch dort wird der Schaden über die so genannten Viren angerichtet. 

Der Umgang mit Sprache in der Gegenwart war immer auch ein Hinweis auf zukünftiges Geschehen. Geboten ist also erhöhte Wachsamkeit, auf das sich eine friedlichere Zukunft entwickeln kann.

                                      copyright foto: D. Rapp