Mittwoch, 25. Dezember 2019

Sprachverwirrungen

Sprachschöpfungen sind immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Verfassung. So sind denn die Begriffe „Naturschutz“ und erst recht gar „Anthropozän“ Beschreibung eines menschlichen Irrweges, der unser Leben begleitet, seit sich in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Technikgläubigkeit in vielen Teilen der Welt durchgesetzt hat, eine Technikgläubigkeit, welche die bis dahin anerkannte Überlegenheit der Natur ersetzen will – und diese Sprachschöpfungen entfalten ihre suggestive Kraft auf uns.

Egal, ob menschliches Denken und Handeln geprägt wurde durch antike Götterwelten, monotheistische Religionen oder asiatisches Bewusstsein, so war doch während der gesamten Menschheitsgeschichte die Natur im konkreten Leben immer als die eigentliche und überlegene Kraft anerkannt. Erst in jüngster Zeit ist die Idee entstanden, wir könnten die Natur verändern, eine Idee, die den Menschen als zumindest bestimmenden, wenn nicht gar überlegenen Akteur versteht und diese Idee wird typischerweise nicht von allen Menschen dieser Erde geteilt, ist wohl vorrangig eine Idee der sogenannten „Industrieländer“, basierend auf abendländischer Wissenschaftstradition.

Sind also die beobachteten Veränderungen in unserer natürlichen Umgebung tatsächlich verknüpft mit menschlichem Handeln, sollten wir diese Veränderungen vielleicht besser verstehen als gelassene Reaktion dieser Kraft, die wir Natur nennen, eine Reaktion, die im Ergebnis möglicherweise das Hinfortwischen der temporären Erscheinung namens „Mensch“ zur Folge hat – denn das ist ja das eigentliche Naturerlebnis, das uns Überdauernde von Meeren oder Bergen oder Wüsten, in einem Rhythmus und in Dimensionen von Veränderung, die unser Erfassen weit übersteigen.

Noch vor genau hundert Jahren schrieb der Architekt Bruno Taut „…Die Berge rufen uns ihre Aufforderung zu. Der Erdboden wird fruchtbare Gewährerin, alle elementare Materie lebt, und was wir bauen, ist nur die Gewährerin ihres Geheißes…“ – dann kam der Paradigmenwechsel und diese Demut wurde vollständig ersetzt durch den Glauben an die technische Lösung.

So ist auch der aktuell gerne genutzte Begriff Anthropozän, als Benennung einer neuen geochronologischen Epoche, nämlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist, nichts anderes als epochentypischer Ausdruck menschlicher Selbstüberschätzung, ein Denken, welches beispielsweise den tibetischen Mönch ausklammert, in dem sich aber naturignorante politische Führer und abendländische Artenschützer auf gar merkwürdige Weise zusammenfinden.
Das Predigen der technischen Lösung ist systemimmanenter Teil des auf Wachstum basierenden ökonomischen Systems, welches nur einigen Wenigen dient. Sich gar zu sehr ausbreitende Populationen haben sich am Ende aber immer selbst vernichtet, auch das eine dieser Spielregeln der Natur.

Verstehen wir also „Umwelt“-schutz als nichts mehr denn Selbstschutz, den Versuch, die Vergänglichkeit der Art „Mensch“ hinauszuzögern – und vielleicht gewinnen wir ein wenig Wohlwollen dieser Kraft namens Natur zurück und lernen die darin liegende Schönheit zu erkennen.


copyright Fotos: D. Rapp


Erinnerungen

Charles Baudelaire beschreibt menschliche Erinnerungen als Schichten, welche sich übereinander legen, die Nächste mag die Vorherige verdecken, aber verloren gehen sie nicht. Dieser Prozess gilt im Privaten genauso wie im gesellschaftlichen Verlauf. Geschichte wirkt immer weiter.

Erinnerung wirkt durch all diese Schichten, ist damit immer auch Gegenwart und bedarf der Auseinandersetzung um Entwicklung zu ermöglichen. Aktuell erstarken weltweit nationale Bewegungen, Entwicklung wird also umgekehrt, Rückwärtsbewegung auch in den sogenannten westlichen Demokratien. Die Herrschenden antworten mit gleichfalls rückwärtsgerichteten Instrumentarien, es wird nicht in Bildung oder gerechtere Ökonomien investiert, sondern Rüstungsetats erreichen neue Rekordhöhen.

Das erscheint dramatisch in einem Land wie Deutschland, welches besonders grausam agiert hat, Erinnerungen, welche generationenübergreifend immer noch wirken. Und diese Geschichte ist verknüpft, so zum Beispiel mit einem aktuellen Topreiseziel, der Insel Mallorca. Auch in Spanien wirken Erinnerungen und werden nur zaghaft angerührt. Die Journalisten Shelina und Bodo Marks haben darüber geschrieben: https://jungle.world/artikel/2019/27/holpriges-gedenken - legen wir also denen, die da wieder aufrüsten wollen, Stolpersteine in den Weg. 



Spanien 1938, copyright Fotos: D. Rapp (Familienarchiv)

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Greta Thunberg und die Kurden oder unter dem Pflaster liegt der Strand

Heiner Müller hat nach dem aktuell genau 30 Jahre zurückliegenden Fall der Mauer bedauert, dass nunmehr auf lange Zeit eine Utopie fehlen werde. Einerseits hatte er wohl Recht, haben doch selbst konservative Politiker beklagt, dass sich mit dem Wegfall des Konkurrenzmodelles Sozialismus die kapitalistische Gier wieder hemmungslos ausbreiten konnte.
Andererseits haben Utopien über künftige Gesellschaftsstrukturen aber dennoch existiert. In den siebziger Jahren waren beispielsweise in eher anarchistischen Blättern wie „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ (später „Zeitschrift für Kraut und Rüben“) Artikel von Murray Bookchin zu lesen.

Murray Bookchin, ursprünglich Kommunist, später Anarchist, vollzog früh eine Abkehr von den Modellen des historischen Materialismus, welche eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft als Voraussetzung für eine befreite, kommunistische Gesellschaft deklarieren. Bookchin beschreibt, dass alleine die ökologische Umweltkatastrophe, welche dies hervorrufen würde, die Existenz der Menschheit vor dem angestrebten Wandel beenden würde.

Bookchin entwirft dagegen eine Idee, unter der Prämisse einer klaren Abkehr vom ökonomischen Wachstumsimperativ, in welcher auf das Empowerment des Individuums hin zum zoon politicon – zum politischen Wesen – gesetzt wird, das sich selbst in den Räten und in der Selbstverwaltung repräsentiert. Das alles findet „vor Ort“ statt, im kommunalistischen Projekt Bookchins wird die Ökonomie nicht verstaatlicht, sondern kommunalisiert – das heißt, Ökonomie wird Teil der Sphäre der politischen Entscheidungen.

Das darauf entwickelte Gesellschaftsmodell, inspirierte Öcalan und die Arbeiterpartei Kurdistans und wurde  im Mai 2005 in das Parteiprogramm des „Demokratischen Konföderalismus“ aufgenommen. Seit der gebietsweisen Rückeroberung hat sich dann die Region Rojava auf der Basis dieses Modelles tatsächlich entwickelt. Die Utopie eines Gesellschaftsmodelles hat es geschafft, in diesen vollständig zerstörten Gemeinden zumindest Ansätze von Hoffnung und bescheidenen Glauben an die Zukunft zu wecken, hat tatkräftiges, konkretes Handeln für einen Wiederaufbau ausgelöst, auch wenn wie immer gilt - Revolution beinhaltet eine riesige Menge an Widersprüchen.

Der Begriff der „Nation“ wird in diesem Konzept aufgelöst hinein in die tatsächliche regionale Identität und Selbstverwaltung. Die regionale Identität ist überschaubar und erklärbar, der Begriff „Nation“ ist immer machtpolitisches Werkzeug – hier tritt der ursprüngliche Gedanke eines unabhängigen kurdischen Staates bereits gelegentlich in den Hintergrund – so wird der kommunalistische Ansatz genau jetzt auch ein interessanter Ansatz für ein Europa, in dem die „Nation“ zunehmend wieder als Machtwerkzeug benutzt wird, sei es in Katalonien oder von der AfD.

Zentrales Thema in diesem Versuch sind vor allem die gegenseitige multiethnische Akzeptanz, Zusammenarbeit unterschiedlicher religiöser Ausrichtungen oder des Atheismus, vor allem aber die gleichberechtigte Mitwirkung von Frauen in einem Teil der Welt, welcher noch immer in einem besonders archaischen Patriarchat verhaftet ist.
Das akzeptieren die uralten Männerbildern verhafteten Autokraten wie Erdoğan, Trump und ihre Verbündeten nicht. Vordergründig dient auch hier wieder der Begriff der „Nation“ als Begründung, aber der Angriff auf Efrîn in 2018 als erster Versuchsballon und der aktuelle, blutige Einmarsch in Syrien sind natürlich auch unter diesem Aspekt zu betrachten.

Einhergehend mit einem glasklaren und konsequenten Wirtschaftsboykott hätte Europa laut und deutlich den einfachen Satz sagen können “… soll Erdogan die Flüchtlinge schicken, wir werden sie mit offenen Armen empfangen, Menschenrechte sind für uns nicht verhandelbar“ – aber neue politische Konstellationen sind ins Visier genommen, von links über grün bis rechts hoffen alle auf nichts anderes als Positionen an den Schaltstellen politischer Macht. Auch im links-grünen Spektrum wird dabei verkannt, dass diese Gier nach Macht und Positionen inzwischen gar zu offensichtlich, für alle spürbar ist und sich aus dieser Verlogenheit die Politikerverdrossenheit und damit auch das rechtsradikale Spektrum speist.


 
                                                                             copyright Foto: D. Rapp


Murray Bookchin hat bereits frühzeitig die Zusammenhänge zwischen ökonomischem und sozialem Gesellschaftssystem, menschlicher Gesundheit und der Natur hergestellt. So war er Mitbegründer des Institute for Social Ecology in den USA.
“…The needs of industrial plants are being placed before man's need for clean air; the disposal of industrial wastes has gained priority over the community's need for clean water. The most pernicious laws of the market place are given precedence over the most compelling laws of biology…” (aus “Our Synthetic Environment” von Murray Bookchin, 1962).

Der Zusammenhang zwischen ökonomischen und politischen Systemen, den damit einhergehenden Wertesystemen und unserem Umgang mit der Natur ist von ihm und anderen also lange beschrieben.
Aktuell erinnert der Auftritt von „Fridays for Future“ ein wenig an die „quartiers“ der Pariser Kommune, Bewegung als Volksversammlung, welche Hannah Arendt als den verloren gegangenen Schatz revolutionärer Traditionen bezeichnete. Hoffen wir also, dass diese neue Bewegung darauf verzichtet, mit dem links-grünen Machtspektrum zu koalieren.

Mögen sie stattdessen vielleicht ein wenig bei Murray Bookchin nachlesen. Er beschreibt die Hoffnung, dass wir die „Umweltkrise“ in eine echte Wahlmöglichkeit umwandeln können, lähmende Strukturen wie das Denken in Nationen und rein ökonomisch geprägten Wertesystem hinter uns lassen – denn, eine Gesellschaft, die immer nur das angeblich Machbare im angeblich Unveränderbaren diskutiert, eine Gesellschaft ohne utopischen Entwurf ist am Ende immer den Autokraten hilflos ausgeliefert.

Montag, 7. Oktober 2019


Wölfe

Vergangen geglaubte, archaisch anmutende Prototypen einer völlig unterentwickelten Männlichkeit besetzen wieder Schaltstellen der Macht – demokratisch gewählt. 
Zeitgleich breitet sich auch der Wolf wieder in Europa aus. So erhält ein Lied von Franz Josef Degenhardt aus dem Jahr 1965 in seiner Doppeldeutigkeit neuerliche Brisanz – Wölfe mitten im Mai


copyright Fotos: D. Rapp

 „August der Schäfer hat Wölfe gehört,
Wölfe mitten im Mai, zwar nur zwei,
aber August der schwört,
sie hätten zusammen das Fraßlied geheult,
das aus früherer Zeit, und er schreit.
und sein Hut ist verbeult.
Schreit: "Rasch, holt die Sensen sonst ist es zu spät.
Schlagt sie tot, noch ehe der Hahn dreimal kräht."
Doch wer hört schon auf einen alten Hut
und ist auf der Hut? Und ist auf der Hut? …“

Freitag, 27. September 2019

„post privacy“ in Zeiten von „social media“


es geht nicht darum, ob wir etwas zu verbergen haben

es geht aber ganz sicher darum,

dass wir etwas zu schützen haben

copyright Foto: D. Rapp

Freitag, 14. Juni 2019


Verwachsungen – Mensch und Maschine


Der Philosoph und Mediziner Joachim Bodamer hat bereits in einem Aufsatz aus dem Jahre 1960 eine treffliche Analyse der menschlichen Verfassung in den westlichen Zivilisationen des 21. Jahrhunderts geliefert.

„Unsere Untersuchung geht davon aus, dass der heutige Mensch nicht allein in einer vollkommen von der Technik bestimmten Umwelt lebt, sondern als „Person“ nicht weniger technisiert ist, das heißt, in seinem Verhalten, seinen seelischen Vollzügen, seinem Handeln und in der ganzen Art seiner Weltbewältigung sich der technischen Funktionalität angepasst hat. Seine Daseinsform ist keine „natürliche“ mehr, weil Technik und industrielle Zivilisation Daseinsbedingungen geschaffen haben, die der Konstitution des Menschen entgegengesetzt sind, wobei diese Gegensätzlichkeit durch neue technische Einfälle immer wieder ausgeglichen werden muss.

Da diese Welt ein künstliches und „sekundäres“ System ist, in deren Mittelpunkt primär die Maschine steht, befindet sie sich dauernd in einem Zustand der Labilität und Unruhe, zwingt den Menschen zu gewaltigen Sicherungsmaßnahmen und wächst doch, aufgrund eines undurchschaubaren Gesetzes, andauernd über ihn hinaus. Die Anstrengung, diesen permanenten Vorsprung der technischen Entwicklung immer wieder einzuholen und neuen Lagen gerecht zu werden, prägt die Gesichter und Seelen in der technischen Welt. Sie sind nur dann mit sich in Übereinstimmung, wenn ihnen die Anpassung so vollkommen gelingt, dass eine Identifikation zwischen Mensch und technischem Gebilde zustande kommt. Der Mensch und seine Maschine werden dann eine neue anthropo-technische Einheit. Ob der Mensch für das technische Mittel da ist oder dieses für ihn, ist nicht mehr unterscheidbar und die Frage zu stellen, wie weit er zum Zweck seiner eigenen Mittel geworden ist, wird überflüssig.


Sobald aber diese Verschmelzung von Mensch und Maschine im weitesten Sinne nicht mehr gelingt, sei es, dass Suprageschwindigkeiten die menschliche Konstitution zu zerbrechen drohen, oder dass die technischen Gebilde als Ganzes unüberschaubar werden, wie etwa bei den elektronischen Rechenmaschinen, mit denen sich das übergeordnete Gehirn der Technik zu bilden scheint, da entsteht eine spezifische Angst in der Massenseele, diese Angst der absolut hilflosen Abhängigkeit, die sich in zahllosen Reaktionen Luft verschafft.“

copyright Foto: Detlef Rapp

Donnerstag, 6. Dezember 2018


Der freie Wille und geniale Sprachschöpfungen


Häufig haben Frauen in bestimmten Schwangerschaftsphasen Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln oder Produkten. Es ist dieses eine Korrelation, derer sie sich nicht bewusst sind – ES ist so, bei Schwangeren ist ES so, aber sie weiß nicht warum. Der Vorgang dieses Momentes entzieht sich dem bewussten ICH, lässt sich aber psychologisch dem von Freud so benannten ES zuordnen.

Die klassischen Wissenschaften, wie Neurobiologie und alle anderen sind derzeit weit entfernt von diesem ES, Big Data kommt ihm aber unaufhaltsam auf die Spur. Gigantische Datenmengen öffnen die Tore, dieses ES lesen zu können – und das ist das klar formulierte Ziel aller Datensammlungen.


Die „cloud“ – wohl eine der genialsten machtpolitischen Sprachschöpfungen der Menschheitsgeschichte: „… es ist vorbei mit jeder Theorie über menschliches Verhalten, von der Linguistik bis zur Soziologie. Vergessen wir Taxonomie, Ontologie und Psychologie. Wer kann schon sagen, warum die Menschen das tun, was sie tun? Sie tun es einfach und wir können das mit beispielloser Genauigkeit aufspüren und ausmessen. Wenn ausreichend Daten vorhanden sind, sprechen die Zahlen für sich …“  (aus Wired Magazine 07/2008)

Wenn Big Data Zugang zum ES, dem unbewussten Reich unserer Handlungen und Neigungen hat, kann von Maschinen mit den dort eingegebenen Algorithmen tief in die menschliche Psyche eingegriffen werden. Die Verarbeitung unseres „Es“ in der Rechenmaschine bedeutet zugleich die Materialisierung unseres Unbewussten.

Big Data kündigt damit das Ende des freien Willens an – die digitale Rechenmaschine kann am Ende schneller in die Psyche eingreifen und somit Handeln auslösen, als der freie Wille, als das bewusste Ich es könnten. Rein Maschinelle Vorgänge, denn menschliches Eingreifen ist zu langsam, zu fehlerhaft und findet nicht mehr statt. Digitale Devotionalien wie das Smartphone oder Alexa sind aktuell die ersten Injektionswerkzeuge dieses Aderlasses.

Im Gegensatz zu dem erdachten Überwachungsstaat des George Orwell in seiner negativen Auslegung, bestehend aus Folterkammer, Ministerium für Wahrheit oder ähnlichem regiert heute das Prinzip des Positiven – nicht Mangel, sondern Überfluss, keine Unterdrückung von Bedürfnissen, sondern permanente Anregung werden zum Selbstdarstellungsmotiv. Tatsächlich hat die Firma Apple, mit deutlich Orwellschem Bezug, diese Schnittstelle exakt im Jahr 1984 mit einem Werbespot während der Super Bowl Übertragung zur Einführung des neuen Macintosh via Bildschirm gefeiert.

Seither zelebriert die Menschheit, dank genialer Marketingstrategien und dem Postulat des Positiven, des vorgeblich Möglichen, eine Selbstentblößung, die bis dahin nicht vorstellbar war. Konsumsteuerung und erste Versuche über Meinungsmache sind das Heute, für Morgen aber steht der unmittelbare Eingriff in menschliches Handeln auf der Agenda.

Auch letzte fehlende Bausteine werden den Maschinisten von Big Data in den Rachen geworfen.  Bis vor kurzem noch sensibel zu handhabende Gesundheitsdaten werden heute direkt vom Handgelenk an die Großrechner gesendet. Und selbst der durch die gesamte Menschheitsgeschichte hochgehaltene Schutz der Kinder fällt enthemmter Selbstentblößung zum Opfer – kaum geboren werden Bilder und Informationen jedweder Art freiwillig und ungefragt gesendet – eine neue Dimension, kostbarste Datenmassen aus bislang nahezu unbekanntem menschlichen Terrain, den frühkindlichen Prägungen, welche genau den gleichen Kindern und allen Folgenden die Chance auf den eigenen und freien Willen rauben werden.

Wer diese Gefahren sieht und zum bewussten Umgang mit neuen Medien aufruft, wird mit dem Totschlag-Argument „es ist ja nun mal da, ich habe nichts zu verheimlichen, wir nutzen es doch alle, dann ist es auch egal …“ erlegt. Natürlich ist das eine von den Maschinisten lancierte Argumentation, denn natürlich ist Big Data am Ende nur eine Technik – und den bewussten Umgang mit Technik kann man erforschen und sich aneignen. Die Epoche der Post Privacy will interpretiert werden – für eine selbstbestimmte Zukunft der Kinder von heute.

Dienstag, 3. Juli 2018


Im Abseits oder die Ermüdung vom eigenen Ich


Die Erforschung des eigenen Ich mit dem Ziel der Selbstfindung und Selbstoptimierung sind Zauberworte geworden in westlichen Konsumgesellschaften. 
Diese sogenannten Forschungsreisen beschreiben sich zwar oftmals als Gegenpol zum herrschenden System, gelegentlich gar als spirituell orientiert, sind dabei aber so ganz und gar systemimmanent.

Das Vermessen des Stressniveaus per app ist genauso Konsumgut wie das Ausgleichen von Berührungsdefiziten in Zeiten der Singlegesellschaft im Kuschellabor – alles ist käuflich, unverbindlich und wird damit beziehungslos.

„Der Andere lässt sich nicht einholen in das Regime des eigenen Ich“ (Byung-Chul Han) - gesucht wird aber nicht mehr der oder das Andere und das damit verbundene Wachsen an der entsprechenden Auseinandersetzung – statt dessen workshop und coaching über sich selbst als alternativer Konsumrausch.
In der Begegnung gesucht wird nur noch der Spiegel des eigenen Ich – daraus entsteht Desinteresse an allem, was sich nicht in dieses Spiegelbild einfügen mag, die Wahrnehmung der Bildränder verschwindet und es entwickelt sich eine neue Form von Isolation – das gilt im Privaten, wie auch im gesellschaftlich Politischen.

Optimierung als Gebot der Stunde generiert zugleich die Anforderung des permanent Positiven. „… Gerade wegen seines autistischen Selbstbezuges, wegen der fehlenden Negativität bringt der prodigious savant  jene Leistungen hervor, zu denen eigentlich nur eine Rechenmaschine fähig wäre. Im Zuge jener allgemeinen Positivisierung der Welt verwandeln sich sowohl der Mensch, als auch die Gesellschaft in eine autistische Leistungsmaschine…“ (Byung-Chul Han).

In der Zielvorstellung der Mensch als Positivmaschine - auch das systemimmanent, Glücksversprechung durch Konsum, letztendlich lebensfern und so führt diese Reise zwangsläufig in die Erschöpfung – depressive Stimmung oder Burn Out sind die zugehörigen Krankheitsbilder im Privaten, populistische Angstbewegungen im eigentlich im Wohlstand schwimmenden Westen sind die gesellschaftlichen Entsprechungen.

                                                                              copyright Foto: D. Rapp

Lea Barletti und Werner Waas haben in der jüngeren Vergangenheit mehrfach den Handke-Text „Selbstbezichtigung (Autodiffamazione)“ auf die Bühne gebracht. Der Text, geschrieben in den Sechzigern, einer Zeit des gesellschaftlichen Aufbruches, heraus aus verknöcherten Strukturen, war damals brisant und ist es heute wieder. Aktuell jedoch in Zeiten der permanenten Beschäftigung mit dem Ich unter ganz anderen Vorzeichen – ein Text beschreibt einen „Brisanzbogen“.

Folgerichtig erklären Barletti/ Waas ihre Arbeit als Gegenpol zu den vorbeschriebenen Erschöpfungsreisen:

„…  Wir sind das zufällige Ich, das in sich die Welt erfährt, sich selbst als Abbild der anderen, als Teil eines Organismus, einer Landschaft. Wir arbeiten als Paar und als Künstler an Zwischenräumen.
Unsere Sprachlosigkeit, unser Scheitern, unser Mut und unsere Beharrlichkeit entspringen unserer Empathie mit der getretenen Welt… Uns interessiert es nicht, von uns zu sprechen, uns interessiert durch uns hindurch von der Welt zu sprechen, durch unsere Körper hindurch, unsere Sprachen
Uns interessiert nicht, besser zu sein, uns interessiert, verständlich zu sein, uns interessiert nicht, cool zu sein, uns interessiert, verletzbar zu sein, uns interessiert nicht, auf Distanz zu gehen, uns interessiert, die Dinge aus der Nähe zu betrachten…

Wir haben niemand etwas beizubringen, wir haben keine Wahrheit zu verkünden, kein Geheimnis zu eröffnen oder zu hüten: wir haben nur zu sprechen, zu fragen, Wörter und Dinge zu hinterfragen, den Empfindungen und Beziehungen einen Namen zu geben, einen Sinn zu suchen, einen Weg zu suchen, ein Zuhause zu suchen…“




Freitag, 23. März 2018


Besondere Orte und der sound des Südens


Während in Deutschland in breiter Front und aus überraschend unterschiedlichen Kreisen gefordert wird, dass Deutschland endlich wieder auch „militärisch Verantwortung“ übernimmt, wurde in Spanien in mehreren kleinen Konzerten vor Picassos Gemälde „Guernica“ im Museo Reina Sofía des achtzigsten Jahrestages der Bombardierung durch die deutsche Legion Condor gedacht:





Jorge Drexler hat via Internet um Textvorschläge gebeten und vier der eingegangenen 1600 Vorschläge musikalisch umgesetzt - "kein rot kann so intensiv sein, wie das grau von Guernica".

Musikalisch neue Wege begeht Niño de Elche, hier u.a. mit dem Projekt Exquirla. Der Text „Destruidnos juntos“ ist inspiriert durch das Gedicht "der Marsch der 150.000.000" von Quique Falcón. 
Für Niño de Elche liegt die Faszination des Bildes auch darin, dass es traurigerweise immer noch so unglaublich aktuell ist – und damit ist im Süden spätestens seit der 2008er Krise auch wieder deutsches Streben nach politischer und ökonomischer Dominanz gemeint.

Christina Rosenvinge interpretiert das Gedicht "La victoire de Guernica" von Paul Éluard, aus eben jener Zeit, einer Zeit der leidenschaftlichen Forderung nach politischer Stellungnahme von Kunst.

Der Genuss guter Musik dürfte also eigentlich weiterhin einhergehen mit ein wenig Nachdenklichkeit.

Samstag, 16. Dezember 2017

Metempsychose oder Wiedergeburt als Kreislauf von Geschichte


Copyright Foto: Detlef Rapp

Der Mann ist der Passagier der Frau
„… der Mann ist der Passagier der Frau, nicht nur bei seiner Geburt, sondern auch in den sexuellen Beziehungen. In freier Wiedergabe eines Satzes von Samuel Butler könnte man sagen, dass das Weibchen das Mittel ist, welches das Männchen gefunden hat, um sich zu reproduzieren, um auf die Welt zu kommen. In diesem Sinne ist die Frau das erste Transportmittel der Gattung, ihr erstes Fahrzeug. Das zweite wäre das Reittier, die rätselhafte Koppelung ungleicher Körper, die zur gemeinsamen Reise gepaart werden. Die metabolischen Fahrzeuge, ob Last-, Reit- oder Zugtiere, könnten somit als die exemplarischen Resultate einer verachteten Zoophilie gelten, die mit der Verwerfung der tierischen Rohheit vergessen worden ist. In den Ursprüngen der Zähmung kommt die Frau aber noch vor dem gezüchteten und gepflegten Tier. Sie ist die erste Form von Ökonomie, in der sich noch vor der Sklavenhaltung und vor der Tierzucht die Bewegung abzeichnet, die zu den Hirtengesellschaften, zu patriarchalischen, über die Jagdzüge hinaus auf den Krieg ausgerichteten Gesellschaften führen wird.
Von der Jagd auf das Tier um des puren Überlebens willen geht man zur Jagd auf die Frau über, später zur Jagd auf den Mann. Die Jagd auf die Frau ist schon kein Abschlachten, kein Töten mehr, sondern ein Einfangen eines Bestandes an Weibchen – Schluss ist mit der Energieverschwendung, was das weibliche Geschlecht angeht, während die Männer weiterhin getötet und verzehrt werden, praktisch bis zur Ackerbaustufe, in der die Sklaverei offizielle Einrichtung wird, dank der Gefangennahme von Männern.
Es ist sinnvoll, sich diese Übertragung der Gewalt anzusehen, denn so, wie der Krieg aus Konflikten zwischen Mitgliedern derselben Gattung und nicht aus Zusammenstößen mit dem Tiervolk hervorgegangen ist, so vollzieht sich auch seine Weiterentwicklung an Hand interner Kämpfe und nicht solcher gegen Fremde.
Das Patriarchat taucht auf mit dem Einfangen von Frauen, installiert und perfektioniert sich dann dank der Viehzucht. In dieser Ökonomie der Gewalt, die der Hirtenstufe entspricht, geht die „belle“ der „bete“ voran – die Errichtung des „herrschenden“ Sexes wird von der Koexistenz zweier Bestände gefördert.
Kommen wir aber auf die Metamorphosen des Jägers zurück, so zeigt sich die Zähmung als Abschluss und Perfektionierung des Raubes. Das Blutvergießen, das sofortige Töten, steht im Gegensatz zum unbegrenzten Gebrauch von Gewalt, das heißt zu ihrer Ökonomie. Wir sehen, wie vom direkten Zusammenstoß, der mit einem Gemetzel endete, eine Evolution zunächst zur einfachen Kontrolle der Jäger über ausgewählte Arten, über die Hütung halbwilder Herden schließlich zur Züchtung und Vermehrung führt. Die Zähmung des Weiberviehs kommt in diesem Prozess noch weit vor der des Tragetieres. Die Frau dient als Lasttier, wie die Herde geht sie auf die Felder um unter Kontrolle und Überwachung des Mannes zu arbeiten. Auf den Wanderungen, bei Zusammenstößen trägt sie das Gepäck, lange vor dem Gebrauch des Hausesels ist sie das einzige „Transportmittel“. Indem sie das Tragen besorgt, kann der bedürftige Jäger sich auf das „homosexuelle Duell“ spezialisieren, kann er Männerjäger, ein Krieger werden.

Die erste Freiheit ist die Bewegungsfreiheit, die die Last-Frau dem Jagd-Mann verschafft, aber diese Freiheit ist keine „Freizeit“, sondern eine Fähigkeit zur Bewegung, die zu einer Fähigkeit zum Krieg wird. Als erste logistische Stütze trägt das derart gezähmte Weibchen den Krieg, indem sie dem Jäger die Sorge um seinen Unterhalt abnimmt. Genau wie der Eindringling das Gebiet, in das er eingedrungen ist und das er erobert hat, so einrichtet, dass es die Lenkbarkeit seiner Kräfte und Bewegungen fördert, so wird aus der geheirateten und gefangenen Frau umgehend ein Transportmittel gemacht. Ihr Rücken und ihre Hüften werden zum Modell aller Reiseausrüstungen, die gesamte Auto-Mobilität wird von dieser Infrastruktur ausgehen, von diesem getätschelten und geschlagenen Hinterteil, alle Wünsche nach Eroberung und Eindringen finden sich in darin wieder … „ 
Paul Virilio 1978